Den einzigen Regenschirm, den ich je wirklich besessen habe, schenkte mir ein Obdachloser.
Es war Winter und ich fuhr mit einem der letzten Züge in der Ringbahn nach Hause. Ein Mann ging durch die Reihen und versuchte die Obdachlosenzeitung zu verkaufen. Er hatte dunkle Locken. Er sah sanft aus und hübsch. Ich kaufte ihm in Exemplar ab.
„Kann er denn nicht von Hartz IV leben?“, fragte neben mir eine pummelige Blondine, „ das gibt es doch für jeden?“ Es klang nicht einmal gehässig, eher nach ehrlichen Interesse. Ich frage mich immer, wie man sich wohl fühlt, wenn man seinen Namen für eine Sozialleistungskürzung hergeben musste, die jeder hasst.
„Die können nicht, die sind am Boden“, versuchte ich Verständnis für die Situation von Obdachlosenzeitungen bei der pummeligen Frau neben mir zu wecken, „krank oder Drogenprobleme.
Mir blieb keine Zeit mehr zu überprüfen, ob ich sie damit überzeugen konnte. Ich war an meiner Haltestelle angekommen und musste aussteigen. Erst als ich auf dem Bahnsteig stand, bemerkte ich, dass der junge Zeitungsverkäufer mit mir ausgestiegen war. Er trat wütend gegen die Tür des abfahrenden Zuges.
„Ihr versteht einfach gar nichts!“, brüllte er.
Dann wandelte er sich schlagartig vom tobenden Obdachlosenzeitungsverkäufer zum vollendeten Gentleman. Es regnete und er bot mir seinen Schirm an. Ich winkte entsetzt ab.
„Ein Mann kann eine Frau einfach nicht im Regen stehen sehen“, behauptete er. Nachdem wir beide weiter ein bisschen auf unserem jeweiligen Standpunkt beharrt hatten und darum herum getanzt waren, nahm ich den Schirm schließlich an. Eine Frau kann einfach keine Ritterlichkeit ausschlagen, die von Herzen kommt, ganz gleich in welcher Verfassung der Ritter daher kommt.
Auf dem Weg aus dem Bahnhof schilderte mir mein Ritter seine Verfassung. Er erzählte vom Tod seiner Frau und wie er dadurch unter die Räder gekommen war: Alkohol, Drogen, keine Arbeit mehr, kein zu Hause. Seine Schwiegereltern kümmerten sich um sein Kind. Er hoffte, bald wieder auf die Beine zu kommen.
Auch als sich unsere Wege trennten, wollte er seinen Schirm nicht wieder annehmen. Ich wünschte ihm Glück. Er lud mich ein, einmal in das Obdachlosencafé bei mir um die Ecke zu kommen, wo er manchmal übernachtete.
Ich habe mich nie dahin getraut. Wie konnte ich wissen, ob ich ihn dort treffen würde? Und die anderen Gäste würden mich bestimmt nicht da haben wollen. Ich, die ich schön im Warmen wohne, mit einem Dach überm Kopf und einer Familie darunter.
Der Schirm ist schon lange kaputt, aber wegwerfen konnte ich ihn nicht. Immer, wenn ich ihn sehe, muß ich an den Ritter denken, der ihn mir überließ. Ein bisschen schlechtes Gewissen bekomme ich davon, und ein bisschen empfinde ich Zärtlichkeit.
Hoffentlich hat er inzwischen ein Dach über dem Kopf, vielleicht ja sogar zusammen mit seinem Sohn.
Montag, 20. Juli 2009
Samstag, 7. März 2009
Hundstage
Email aus Paris, Herbst 2003
Schon wieder habe ich etliche Monate lang nicht über den Stand der Dinge an der Seine berichtet. Zumindest für den Sommer kann ich zu meiner teilweisen Entlastung anführen, dass unsere „canicule“, zu deutsch „Hundstage“, nicht nur rund 11 000 ältere Pariser dahinraffte, was Mitarbeiter von Bestattungsinstituten dazu zwang, die wohlverdiente Sommerfrische in der Bretagne abzubrechen, während sich der Staatspräsident seelenruhig weiter in Kanada ausruhte. Auch der private Computer verweigerte meinen emsigen Schreibfingern mehrfach die Gefolgschaft, und schaltete sich kurzerhand selbst aus, anstatt zu schmelzen. Es erscheint mir sehr passend, dies als künstliche Intelligenz zu bezeichnen.
So schlau wie der Computer waren meine Eltern indes nicht. Sie standen pünktlich an dem heißesten Wochenende seit der Schlacht von Verdun in der Passage Alexandrine auf der Matte und wollte anlässlich des 60. Geburtstages meiner Mutter bespaßt werden. Nur um zu veranschaulichen, wie heiß es wirklich war, weise ich darauf hin, dass selbst das Geburtstagskind gelegentlich den Schatten aufsuchte und Sonnenstrahlen ungenutzt auf den Asphalt sinken ließ, anstatt die knackige Bräunung aus sechs Jahrzehnten noch ein wenig zu vertiefen. Nur wer sie kennt, weiß, was das bedeutet!
Immerhin gelang es uns, das Geld, das wir durch geschicktes Umgehen einer großen Geburtstagsfeier mit zahlreichen Gästen gespart hatten, bei einem einzigen Mahl zu verjubeln. Das das Restaurant, das Julien mir empfohlen hatte, eher vornehm sein müsse, schwante mir zum ersten Mal, als uns die freundliche Touristenführerin während unserer Bootstour auf der Seine - die leider kaum die erhoffte, erfrischende Brise mit sich brachte -zunächst auf Notre-Dame zu unserer Rechten und dann auf das berühmte Restaurant „Tour d‘ Argent“ zu unserer Linken aufmerksam machte. Der Verdacht sollte sich erhärten, als wir in Hoffnung auf einige Minuten in klimaanlagengekühlter Luft mit dem Taxi vor dem Restaurant vorfuhren, wo uns formvollendet ein Herr empfing, der dazu verdammt war, der Hitze im Livrée zu trotzen. Als der Kellner mir kurz darauf zuhauchte, der Sommelier würde nicht lange auf sich warten lassen, traten mir Schweißperlen auf die Stirn, die wenig mit den Hundstagen zu tun hatten. Ich verwünschte mich insgeheim, weil ich mir nie die Frage gestellt hatte, wofür die Franzosen eigentlich das Geld ausgeben, das sie sparen, indem sie ihre Wohnungen nie renovieren und schwor mir, das nächste Mal genauer nachzufragen, wenn sie mir ein exzellentes Restaurant für den Geburtstag meiner Mutter empfehlen.
Am Ende ging das Geburtstagsessen aber trotz schwindelerregender Preise doch noch in die Familienannalen als eines der ganz großen gemeinsamen Erlebnisse ein. Wir bestellten alle drei die Ente, die seit Zeiten Heinrich des Dritten in diesem Restaurant serviert wird und schon Richelieu bei seinen Banketten häufig als Hauptspeise diente. Seit etlichen Jahrzehnten wird jede Ente, die diese edle Küche verlässt, gezählt und der dazugehörige Gast bekommt eine Karte mit ihrer Nummer als Andenken mit auf den Weg. Auf die Art und Weise konnte mein Vater nach der Heimkehr seine Nummer mit einem Erbstück der Nachbarn vergleichen, deren Opa während der Besetzung von Paris im II. Weltkrieg die Ente im Tour d‘ Argent auch schon sehr gut geschmeckt hatte.
Wegen der Hitze kann man meinem Vater auch kaum vorwerfen, dass er in Bermudashorts, Sandalen und Baseballkappe deutlich als Supertourist erkennbar durch Paris lief, wenn er nicht gerade im Tour d‘Argent Ente aß. Dennoch stand dieses Kostüm zweifelsohne für all das, wovon das städtische Personennahverkehrsunternehmen RATP spricht, wenn es seine Fahrgäste mahnt, sie mögen Taschendiebe nicht in Versuchung führen.
Auch gesundheitlich überstanden meine Eltern diesmal ihren Besuch vergleichsweise gut. Zwar sah sich meine Mutter, an Pflastertreten nicht gewöhnt, schon nach wenigen Tagen gezwungen, neues Schuhwerk zu erstehen, das binnen kürzestem blutgetränkt war. Aber wenn man dies damit vergleicht, dass mein Vater nach dem vorigen Besuch unter Thromboseverdacht ins Krankenhaus gefahren werden und danach noch zehn Tage lang einen sogenannten Zinkleinverband tragen musste, ist dies ein spürbarer Fortschritt.
Schon wieder habe ich etliche Monate lang nicht über den Stand der Dinge an der Seine berichtet. Zumindest für den Sommer kann ich zu meiner teilweisen Entlastung anführen, dass unsere „canicule“, zu deutsch „Hundstage“, nicht nur rund 11 000 ältere Pariser dahinraffte, was Mitarbeiter von Bestattungsinstituten dazu zwang, die wohlverdiente Sommerfrische in der Bretagne abzubrechen, während sich der Staatspräsident seelenruhig weiter in Kanada ausruhte. Auch der private Computer verweigerte meinen emsigen Schreibfingern mehrfach die Gefolgschaft, und schaltete sich kurzerhand selbst aus, anstatt zu schmelzen. Es erscheint mir sehr passend, dies als künstliche Intelligenz zu bezeichnen.
So schlau wie der Computer waren meine Eltern indes nicht. Sie standen pünktlich an dem heißesten Wochenende seit der Schlacht von Verdun in der Passage Alexandrine auf der Matte und wollte anlässlich des 60. Geburtstages meiner Mutter bespaßt werden. Nur um zu veranschaulichen, wie heiß es wirklich war, weise ich darauf hin, dass selbst das Geburtstagskind gelegentlich den Schatten aufsuchte und Sonnenstrahlen ungenutzt auf den Asphalt sinken ließ, anstatt die knackige Bräunung aus sechs Jahrzehnten noch ein wenig zu vertiefen. Nur wer sie kennt, weiß, was das bedeutet!
Immerhin gelang es uns, das Geld, das wir durch geschicktes Umgehen einer großen Geburtstagsfeier mit zahlreichen Gästen gespart hatten, bei einem einzigen Mahl zu verjubeln. Das das Restaurant, das Julien mir empfohlen hatte, eher vornehm sein müsse, schwante mir zum ersten Mal, als uns die freundliche Touristenführerin während unserer Bootstour auf der Seine - die leider kaum die erhoffte, erfrischende Brise mit sich brachte -zunächst auf Notre-Dame zu unserer Rechten und dann auf das berühmte Restaurant „Tour d‘ Argent“ zu unserer Linken aufmerksam machte. Der Verdacht sollte sich erhärten, als wir in Hoffnung auf einige Minuten in klimaanlagengekühlter Luft mit dem Taxi vor dem Restaurant vorfuhren, wo uns formvollendet ein Herr empfing, der dazu verdammt war, der Hitze im Livrée zu trotzen. Als der Kellner mir kurz darauf zuhauchte, der Sommelier würde nicht lange auf sich warten lassen, traten mir Schweißperlen auf die Stirn, die wenig mit den Hundstagen zu tun hatten. Ich verwünschte mich insgeheim, weil ich mir nie die Frage gestellt hatte, wofür die Franzosen eigentlich das Geld ausgeben, das sie sparen, indem sie ihre Wohnungen nie renovieren und schwor mir, das nächste Mal genauer nachzufragen, wenn sie mir ein exzellentes Restaurant für den Geburtstag meiner Mutter empfehlen.
Zwischenzeitlich hellte sich das Gesicht meiner Mutter ein wenig auf, weil sie feststellte, dass ihre Speisen keine Preise hatten. Die Freude war indes nur von kurzer Dauer, denn wie sich herausstellte, handelte sich um die Damenkarte. Meinem Vater hingegen wurde sehr deutlich mitgeteilt, welche Kosten entstünden, wenn wir uns für das Entenconfit an Holundersoße mit Steinpilzgarnierung entschieden. Am Ende zwang uns die Damenkarte dazu, uns so weit wie möglich aber doch möglichst unauffällig über unsere großzügige Tafel zu lehnen und uns bevorzugte Speisen und dazugehörige Preise zuzuzischen, bis wir ein Menü zusammengestellt hatten, mit dem wir einigermaßen ungeschoren das Restaurant wieder verlassen konnten. Zum Glück gelang es mir auch, mich nicht von dem Sommelier, der genaugenommen eine Dame war, in eine Diskussion über die Qualität ihrer Weine hineinziehen zu lassen, von denen einige im Wert einem Kleinwagen glichen. Ich bestellte höflich aber bestimmt den billigsten Rebsaft, den ich auf der Karte finden konnte. Jetzt hege ich heimlich den Wunsch, dieses vornehme Restaurant bei passender Gelegenheit mit Silke aufzusuchen, nur um zu sehen, was mit der Damenkarte geschieht, wenn kein Herr dabei ist, um die Preise zu beobachten.
Am Ende ging das Geburtstagsessen aber trotz schwindelerregender Preise doch noch in die Familienannalen als eines der ganz großen gemeinsamen Erlebnisse ein. Wir bestellten alle drei die Ente, die seit Zeiten Heinrich des Dritten in diesem Restaurant serviert wird und schon Richelieu bei seinen Banketten häufig als Hauptspeise diente. Seit etlichen Jahrzehnten wird jede Ente, die diese edle Küche verlässt, gezählt und der dazugehörige Gast bekommt eine Karte mit ihrer Nummer als Andenken mit auf den Weg. Auf die Art und Weise konnte mein Vater nach der Heimkehr seine Nummer mit einem Erbstück der Nachbarn vergleichen, deren Opa während der Besetzung von Paris im II. Weltkrieg die Ente im Tour d‘ Argent auch schon sehr gut geschmeckt hatte.
Wegen der Hitze kann man meinem Vater auch kaum vorwerfen, dass er in Bermudashorts, Sandalen und Baseballkappe deutlich als Supertourist erkennbar durch Paris lief, wenn er nicht gerade im Tour d‘Argent Ente aß. Dennoch stand dieses Kostüm zweifelsohne für all das, wovon das städtische Personennahverkehrsunternehmen RATP spricht, wenn es seine Fahrgäste mahnt, sie mögen Taschendiebe nicht in Versuchung führen.
Fast zwingend und gleichsam durch eigenes Verschulden wurde mein Vater denn auch an der Haltestelle „Nation“ beim Einsteigen in die Linie 9 von zwei jungen Männern angerempelt, die sofort die Metro verließen, als er sich doch schließlich mit verdutztem Gesichtsausdruck in den Wagen gekämpft hatte. Weder die RATP noch die Taschendiebe hatten jedoch mit der Zivilcourage ihrer französischen Mitbürger gerechnet. Am anderen Ende des Wagens machte uns im selben Augenblick ein Fahrgast auf den infamen Diebstahl mit spitzen „Voleur, voleur“ –Schreien aufmerksam– „ Haltet den Dieb“ . Und so nahmen wir sofort unterstützt von dem Franzosen die Verfolgung des jugendlichen Missetäters auf, anstatt nichtsahnend nachhause zu fahren und den Verlust des Portemonnaies erst Stunden später zu bemerken. Dem Franzosen gelang durch beherztes Einbeziehen der Passanten zwar nicht, die zivile Festnahme des Diebes zu erreichen, denn der wand sich schnell aus seiner Jacke, an der er festgehalten wurde. Aber doch ließ er dabei immerhin das Portemonnaie fallen. Und so ging aus diesem Abenteuer die deutsch-französische Freundschaft deutlich gestärkt hervor, ohne dass dies irgendjemanden auch nur einen Zent gekostet hätte, wenn man von dem Dieb absieht, der seine Jacke verlor.
Auch gesundheitlich überstanden meine Eltern diesmal ihren Besuch vergleichsweise gut. Zwar sah sich meine Mutter, an Pflastertreten nicht gewöhnt, schon nach wenigen Tagen gezwungen, neues Schuhwerk zu erstehen, das binnen kürzestem blutgetränkt war. Aber wenn man dies damit vergleicht, dass mein Vater nach dem vorigen Besuch unter Thromboseverdacht ins Krankenhaus gefahren werden und danach noch zehn Tage lang einen sogenannten Zinkleinverband tragen musste, ist dies ein spürbarer Fortschritt.
Samstag, 28. Februar 2009
Sommerbesuche
Email aus Paris Sommer 2003
Der Sommer in Paris zeigt sich weiter von seiner Schokoladenseite, und außer den streikenden Künstlern habe ich nur eine einzige Klage vorzutragen, diese aber ist schwerwiegend: Es gibt keine Eisdielen in Paris, und schon gar keine italienischen!
Um ein lächerlichen Klassiker wie eine Kugel Schokolade und eine Kugel Vanille in der Waffel zu finden, muss man kilometerweit laufen, von Stracciatella haben die hier noch nie etwas gehört und an Priapismus mit Rabatten für Schwangere - an der Elbe ein Standardprogramm - ist gar nicht zu denken. Auf keinen Fall sollte man für den Fußmarsch zur Eisdiele eine ausreichende Ration Wasser und genügend Wegzehrung vergessen. Was waren das noch für Zeiten, als man mich nur auf die Müggenkampstraße hinunterzurufen brauchte, wenn man ganz vorne in der Eiszeit-Schlange stand!
Da hilft es natürlich auch nicht weiter, dass aufgrund der anhaltenden Künstlerstreiks sämtliche Theaterstücke und Konzerte ausfallen, bis hin zu den Freiluftlichtspielenin Avignon. Gegen Streiks im Öffentlichen Personennahverkehr kann man sich wenigstens noch mit dem Fahrrad wehren. Wie man auf systematischen Kulturabbau reagiert, liegt hingegen völlig im Dunkeln. Ich habe vorsichtshalber " Das trunkene Schiff" von Rimbaud auswendig gelernt, und warte im übrigen darauf, dass die Gemälde im Louvre in den Streik treten.
Ansonsten treffen ich mich so oft es geht mit den hübschen Frauen, die in alle Welt ausgeschwärmt sind, um ihr Glück zu suchen. Neulich machte Sabrina nach einem längeren Brasilienaufenthalt auf der Durchreise von Hamburg nach Washington hier Station. Leider war das Wohnzimmer gerade voll mit italienischen Volkswirten, die hier ihre Forschungsergebnisse vortragen wollten, aber mit denen sind wir eigentlich lässig klargekommen, wenn man davon absieht, dass sie uns öfter mal in Nachtklubs abhanden kamen. Auf der Fete bei meinem Nachbarn, dem Architekten, der sich hier mit seiner schrillen Brille ein szeniges Loft eingerichtet hat, machte ich mich leider ein wenig lächerlich, indem ich in spontaner Empörung aus vollem Halse "nein" rief, als er mir anbot, ich dürfe mir auch das durchgestylte Schlafzimmer gerne ansehen. Aber bei den Franzosen kann man ja nicht vorsichtig genug sein.
Sabrina murrte und knurrte zwar ein wenig, als sie sich nach durchzechter Nacht mit meinen Nachbarn – denen ohne Brille - bei 30 Grad im Schatten durch den Bois de Vincennes joggen sah, wurde aber am Nachmittag bei der Radtour durch einen doppelten Salto vollends dafür entschädigt. Diesen vollführte ein junger Mann, welcher sich leichtsinnig auf ihre Schönheit anstatt auf die stillgelegten Schienen vor ihm konzentriert hatte. Wir waren so entsetzt von der Herzlosigkeit seiner Freunde, die in meinem Angebot, einen Krankenwagen zur Hilfe zu rufen, lediglich ein günstige Gelegenheit sahen, mehr über unsere Mobiltelefonnummer zu erfahren, dass wir mit fliegenden Rockschößen die Flucht ergriffen. Hinterher haben wir uns aber doch ein bisschen geschämt. Ab einem doppelten Salto muss man die Telefonnummer eigentlich hergeben, darüber sind sich hier in Frankreich alle einig.
Um den Besucherspieß endlich mal umzudrehen, machte ich mich anlässlich des Sturms auf die Bastille auf, den Ärmelkanal zu überqueren. Dabei musste ich feststellen, dass es schwieriger ist, den Eurostar nach London zu besteigen als nach dem 11. September in die USA einzureisen. Als ich nach der dritten Paßkontrolle kurz vor dem Röntgengerät für die Handtasche wütend "Eurooooopa ohne Grenzen" bellte, fand ich zum Glück in dem französischen Grenzbeamten eine verwandte Seele. Er warf verzweifelt die Arme in die Luft und rief: "Das Vereinigte Königreich hat nicht unterschrieben". Warum treten die eigentlich nicht aus, wenn denen immer alles nicht passt?
Wenn Sabrina glaubt, ich sei eine anspruchsvolle Gastgeberin, dann hätte sie mal Schlucki sollen. Das Tempo, mit dem ich das ganze Wochenende über zwischen Märkten und Museen hin- und hinter Frisbeescheiben im Hydepark herlief, habe ich nur aufrechterhalten können, weil Schlucki mich zwischendurch immer wieder in ihren offen Cabrio einlud (ein alter Fiat Spider aus den achtziger Jahren, und ich soll sagen, dass er TRAUM heißt), und mich auf der linken Straßenseite quer durch London kutschierte. Während ich geduldig gewartet hatte, bis die Nachbarn klingelten, bevor ich Sabrina im Laufschritt in den Bois de Vincennes jagte, erinnerte mich Schlucki bereits morgens um zehn nach einer durchtanzten Nacht mit durchdringender Stimme an meine soziale Verpflichtungen und hetzte mich ein Stunde lang durch ein sündhaft teures Schwimmbad für Anwälte und Börsenmakler in der Londoner City.
Eines der großen Highlights des Wochenendes war die Hochzeitgesellschaft, der wir auf verschiedenen Etappen der Festlichkeiten gleich einem Leitmotiv immer wieder begegnen sollten. Dabei durfte ich mich einmal mehr davon überzeugen, dass nur Engländerinnen diesen unvergleichlichen Mut zur Hässlichkeit haben, ohne den man ihre Hutkreationen beim besten Willen nicht zur Schau tragen könnte. Bei der dritten oder vierten Begegnung ließ ich mir von den englischen Hochzeitsgästen sagen, dass sie sich unter einer deutschen Hochzeit "lots of beer and frivolities" vorstellten. Bei Lichte betrachtet, ist das auch nichts anderes, als was uns unser Freund Stefano Stefani unterstellt, aber irgendwie kam das bei dem Engländer freundlicher rüber.
Noch immer bin ich mir nicht ganz darüber im klaren, ob es nicht ein folgenschwerer Fehler war, aus lauter Ungeübtheit den Heiratsantrag auszuschlagen, den mir ein betrunkener Engländer in einem Londoner Nachtclub (früher "Diskothek") spontan unterbreitete. Man weiß ja nicht, wann das nochmal wiederkommt, und ob überhaupt und so. Schlucki meint, das war genau richtig so. Den Aston Martin, mit dem englische Bräute vor die Kirche vorzufahren pflegen, hätten wir im Leben nicht mehr organisieren können. Auch liegen wir seit dem Wochenende darüber im Clinch, ob der Bagel aus dem 24-Stunden-Bagelshop morgens um sechs und das hauseigene Spiegelei nur wenige Minuten später wegen der vorausgegangenen Gin und Tonics der beste Bagel und das beste Spiegelei aller Zeiten waren, oder ob beide dieses Etikett im nüchternen Zustand nie bekommen hätten. Na ja, Hauptsache sie waren gut. Und am nächsten 14. Juli gehen wir einfach auf einen Feuerwehrball nach Paris, da können nicht so viele Unklarheiten entstehen. Aber bis morgens um sieben! Und um neun wecke ich alle auf, damit wir Fußball spielen gehen können.
Der Sommer in Paris zeigt sich weiter von seiner Schokoladenseite, und außer den streikenden Künstlern habe ich nur eine einzige Klage vorzutragen, diese aber ist schwerwiegend: Es gibt keine Eisdielen in Paris, und schon gar keine italienischen!
Um ein lächerlichen Klassiker wie eine Kugel Schokolade und eine Kugel Vanille in der Waffel zu finden, muss man kilometerweit laufen, von Stracciatella haben die hier noch nie etwas gehört und an Priapismus mit Rabatten für Schwangere - an der Elbe ein Standardprogramm - ist gar nicht zu denken. Auf keinen Fall sollte man für den Fußmarsch zur Eisdiele eine ausreichende Ration Wasser und genügend Wegzehrung vergessen. Was waren das noch für Zeiten, als man mich nur auf die Müggenkampstraße hinunterzurufen brauchte, wenn man ganz vorne in der Eiszeit-Schlange stand!
Da hilft es natürlich auch nicht weiter, dass aufgrund der anhaltenden Künstlerstreiks sämtliche Theaterstücke und Konzerte ausfallen, bis hin zu den Freiluftlichtspielenin Avignon. Gegen Streiks im Öffentlichen Personennahverkehr kann man sich wenigstens noch mit dem Fahrrad wehren. Wie man auf systematischen Kulturabbau reagiert, liegt hingegen völlig im Dunkeln. Ich habe vorsichtshalber " Das trunkene Schiff" von Rimbaud auswendig gelernt, und warte im übrigen darauf, dass die Gemälde im Louvre in den Streik treten.
Ansonsten treffen ich mich so oft es geht mit den hübschen Frauen, die in alle Welt ausgeschwärmt sind, um ihr Glück zu suchen. Neulich machte Sabrina nach einem längeren Brasilienaufenthalt auf der Durchreise von Hamburg nach Washington hier Station. Leider war das Wohnzimmer gerade voll mit italienischen Volkswirten, die hier ihre Forschungsergebnisse vortragen wollten, aber mit denen sind wir eigentlich lässig klargekommen, wenn man davon absieht, dass sie uns öfter mal in Nachtklubs abhanden kamen. Auf der Fete bei meinem Nachbarn, dem Architekten, der sich hier mit seiner schrillen Brille ein szeniges Loft eingerichtet hat, machte ich mich leider ein wenig lächerlich, indem ich in spontaner Empörung aus vollem Halse "nein" rief, als er mir anbot, ich dürfe mir auch das durchgestylte Schlafzimmer gerne ansehen. Aber bei den Franzosen kann man ja nicht vorsichtig genug sein.
Sabrina murrte und knurrte zwar ein wenig, als sie sich nach durchzechter Nacht mit meinen Nachbarn – denen ohne Brille - bei 30 Grad im Schatten durch den Bois de Vincennes joggen sah, wurde aber am Nachmittag bei der Radtour durch einen doppelten Salto vollends dafür entschädigt. Diesen vollführte ein junger Mann, welcher sich leichtsinnig auf ihre Schönheit anstatt auf die stillgelegten Schienen vor ihm konzentriert hatte. Wir waren so entsetzt von der Herzlosigkeit seiner Freunde, die in meinem Angebot, einen Krankenwagen zur Hilfe zu rufen, lediglich ein günstige Gelegenheit sahen, mehr über unsere Mobiltelefonnummer zu erfahren, dass wir mit fliegenden Rockschößen die Flucht ergriffen. Hinterher haben wir uns aber doch ein bisschen geschämt. Ab einem doppelten Salto muss man die Telefonnummer eigentlich hergeben, darüber sind sich hier in Frankreich alle einig.
Um den Besucherspieß endlich mal umzudrehen, machte ich mich anlässlich des Sturms auf die Bastille auf, den Ärmelkanal zu überqueren. Dabei musste ich feststellen, dass es schwieriger ist, den Eurostar nach London zu besteigen als nach dem 11. September in die USA einzureisen. Als ich nach der dritten Paßkontrolle kurz vor dem Röntgengerät für die Handtasche wütend "Eurooooopa ohne Grenzen" bellte, fand ich zum Glück in dem französischen Grenzbeamten eine verwandte Seele. Er warf verzweifelt die Arme in die Luft und rief: "Das Vereinigte Königreich hat nicht unterschrieben". Warum treten die eigentlich nicht aus, wenn denen immer alles nicht passt?
Wenn Sabrina glaubt, ich sei eine anspruchsvolle Gastgeberin, dann hätte sie mal Schlucki sollen. Das Tempo, mit dem ich das ganze Wochenende über zwischen Märkten und Museen hin- und hinter Frisbeescheiben im Hydepark herlief, habe ich nur aufrechterhalten können, weil Schlucki mich zwischendurch immer wieder in ihren offen Cabrio einlud (ein alter Fiat Spider aus den achtziger Jahren, und ich soll sagen, dass er TRAUM heißt), und mich auf der linken Straßenseite quer durch London kutschierte. Während ich geduldig gewartet hatte, bis die Nachbarn klingelten, bevor ich Sabrina im Laufschritt in den Bois de Vincennes jagte, erinnerte mich Schlucki bereits morgens um zehn nach einer durchtanzten Nacht mit durchdringender Stimme an meine soziale Verpflichtungen und hetzte mich ein Stunde lang durch ein sündhaft teures Schwimmbad für Anwälte und Börsenmakler in der Londoner City.
Eines der großen Highlights des Wochenendes war die Hochzeitgesellschaft, der wir auf verschiedenen Etappen der Festlichkeiten gleich einem Leitmotiv immer wieder begegnen sollten. Dabei durfte ich mich einmal mehr davon überzeugen, dass nur Engländerinnen diesen unvergleichlichen Mut zur Hässlichkeit haben, ohne den man ihre Hutkreationen beim besten Willen nicht zur Schau tragen könnte. Bei der dritten oder vierten Begegnung ließ ich mir von den englischen Hochzeitsgästen sagen, dass sie sich unter einer deutschen Hochzeit "lots of beer and frivolities" vorstellten. Bei Lichte betrachtet, ist das auch nichts anderes, als was uns unser Freund Stefano Stefani unterstellt, aber irgendwie kam das bei dem Engländer freundlicher rüber.
Noch immer bin ich mir nicht ganz darüber im klaren, ob es nicht ein folgenschwerer Fehler war, aus lauter Ungeübtheit den Heiratsantrag auszuschlagen, den mir ein betrunkener Engländer in einem Londoner Nachtclub (früher "Diskothek") spontan unterbreitete. Man weiß ja nicht, wann das nochmal wiederkommt, und ob überhaupt und so. Schlucki meint, das war genau richtig so. Den Aston Martin, mit dem englische Bräute vor die Kirche vorzufahren pflegen, hätten wir im Leben nicht mehr organisieren können. Auch liegen wir seit dem Wochenende darüber im Clinch, ob der Bagel aus dem 24-Stunden-Bagelshop morgens um sechs und das hauseigene Spiegelei nur wenige Minuten später wegen der vorausgegangenen Gin und Tonics der beste Bagel und das beste Spiegelei aller Zeiten waren, oder ob beide dieses Etikett im nüchternen Zustand nie bekommen hätten. Na ja, Hauptsache sie waren gut. Und am nächsten 14. Juli gehen wir einfach auf einen Feuerwehrball nach Paris, da können nicht so viele Unklarheiten entstehen. Aber bis morgens um sieben! Und um neun wecke ich alle auf, damit wir Fußball spielen gehen können.
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