Email vom 30 September 2000:
Inzwischen bin eine echte Manhattanite und eile morgens mit meinem Computer durch Midtown West anstatt durch die Grand Central Station. Das ist sehr angenehm, denn auf der Westseite sind die Menschen ein bißchen weniger hektisch als die Pendler im Osten.
Meine Wohnung ist in einer dieser Strassen wie man Sie aus dem Fernsehen kennt: Gußeiserne Treppen vor dem Eingang und Bäume (!) am Straßenrand. Von innen, wie gesagt, ein bißchen weniger Komfort. Beeindruckend ist vor allem die Statik: Es ist einfach alles schief - von den Schubladen, über den Herd bis hin zu den Türrahmen. Wird wohl nichts mit Türen aufhängen.
Jochen sagt, die Wohnung erinnert ihn an das Kabinett des Doktor Caligari. Wegen der Dusche in der Küche soll ich mich nicht so anstellen, meint er. Als er in Paris studiert hat, war sogar die Toilette in der Küche. Na, dagegen lebe ich ja in Saus und Braus!
Wahrscheinlich läuft Jochen gerade wie ein Zombie durch die Uni Hamburg und tritt Türen ein wie kurz vor seiner Abreise nach Berkeley. Seine Nerven sind bekanntlich etwas schwach, und er hatte einen schlechten Tag: Meinen Haustürschlüssel konnte er nicht verabredungsgemäß in den Briefkasten werfen, denn der hat gar keinen Schlitz (erster Kulturschock). Also hat er den Schlüssel dem Briefträger gegeben und ist mit einem schlechten Gewissen nach Deutschland geflogen, nur um festzustellen, dass er 1. seinen Schlüssel für die Wohnung in Berkeley bei mir vergessen hat, 2. sein Gepäck mit seinen Unterlagen für den Vortrag in Koblenz und seinem Anzug verloren gegangen ist. Wenn Ihr ihn trefft, könnt Ihr ihm sagen, daß ich immerhin den Schlüssel gefunden habe, und daß der Briefträger ein ehrlicher Mann ist.
Curzio kommt am 11. Oktober, und Hartmut hat angeordnet, dass ich VORHER zu Ikea fahre, um Vorhänge zu kaufen. Wir wollen bescheiden leben, aber nicht wie in Sodom und Gomorrha.
Da mir niemand von Euch Tips geben konnte, habe ich die nette israelische Fotografin einfach so auf die Piste gelockt wie ich es auch mit einer deutschen Frau gemacht hätte. Hat geklappt! Eigentlich ist sie Künstlerin, aber ihren Lebensunterhalt muß sie sich mit einer Arbeit im Fotolabor und wedding shootings am Wochenende verdienen. Demnächst hat sie eine Ausstellung in einem Friseursalon, und ich habe ihr fest versprochen zu kommen.
Beeindruckt bin ich von den Forschungsseminaren an der NYU. Es kommen immer ganz bekannte Leute und alle kennen sich und nennen sich gegenseitig Ned, Chad usw.. Die jungen Assistenzprofessoren beißen hier um sich wie die Schäferhunde, wenn sie Gelegenheit dazu haben. Scheint ein rauher Wind zu sein, der hier weht...
Deswegen, zurück zur Forschung...
Samstag, 3. November 2007
Erste Schritte in NYC
Email vom 26. September 2000:
Nach 28 Jahren hat sich die Hartnäckigkeit einer Springer Standesbeamten ausgezahlt: Aus Sorge um mein Fortkommen und meine persönliche Entwicklung bestand sie neben N. auf einem echten Frauennamen. In einem Computer-Administrator jenseits des Atlantischen Ozeans hat sie jetzt einen einsamen Anhänger gefunden. Für den kam nur mein bislang nie gebrauchter Zweitname als email-Adresse in Frage.
Ich bin nicht nur endlich wieder im Netz, was immer das wichtigste ist, sondern darf mich vom 1. Oktober auch stolze Untermieterin eine 1 1/2- Zimmer-Wohnung nennen. Ich möchte die wunderbare Lage in Fußnähe zum Times Square unterstreichen - sicher bin ich bald ein Broadway-Star! Von innen ist sie allerdings nichts für schwache Nerven. An Fenstern und Licht wurde ein wenig gespart, dafür wird meine WG mit meinem Gerzenseekollegen dadurch umso offener und freundlicher, daß auch keine Türen vorhanden sind, wenn man von Eingangs- und Toilettentür einmal absieht. Curzio sagt, das ist nicht weiter schlimm. Ich soll ihm Bescheid sagen, wenn ich einen Mann nach Hause bringe, dann kommt er etwas später. Noch wohne ich bei meiner Freundin Jenny in Stamford, Connecticut. 50 Minuten Zugfahrt zur Grand Central Station - das ist ein Kinderspiel für jeden amerikanischen Pendler. Morgens komme ich mir immer mächtig wichtig vor, wenn ich mit meinem kleinen Labtop-Köfferchen den Zug besteige. Abends bringe mich meine Business-Kollegen aus dem Financial District im Zug jedoch mit hastigem Popcorn-Verzehr zur Weißglut.Mein verzweifelter Gesichtsausdruck während der dreitägigen Wohnungssuche hat immerhin dazu geführt, daß ich eine israelische Photographin aus Queens kennengelernt habe, die mich tatkräftig unterstützte. Weiß einer, wie man Israelinnen ins Kino oder in eine Bierkneipe ködert?
Meine Ruderfreundin Anke, die einen L.L.M-Grad an der NYU anstrebt, ist bereits perfekt integriert. Sie hat eine ziemlich nette dänische Mitbewohnerin, wohnt mitten in Greenwich Village und geht in Chinatown Gemüse einkaufen. Am Sonnabend hat sich mich auf eine Party in den Washington Heights mitgenommen. Ich fand, daß die nächtliche U-Bahn-Fahrt durch Harlem auch nichts für schwache Nerven war, aber meine Frauen blieben zu jedem Zeitpunkt locker und haben sich nichts anmerken lassen. Bloß als uns ein sehr freundlicher Senegalese, der des Deutschen immerhin soweit mächtig war, daß er "ich liebe dich" sagen konnte, auf dem Rückweg auf ein Bier nach Harlem einladen wollte, zeigten sie sich unwillig seine Kenntnisse angemessen zu würdigen. Entlohnt wurde der Abenteuertrip durch eine Party mit lauter Angestellten der Federal Reserve Bank of New York. Leider untere Chargen, sonst könnte ich daraus vielleicht Profit schlagen, wenn es mit der Broadway-Karriere doch nichts wird.
Mit Nd. bin ich bereits in Medias Res gegangen. Gestern große Lagebesprechung "to gain some speed". Er ist Araber oder vielleicht ein sephardischer Jude (das kommt von Jenny - ich dachte immer, die kommen aus Portugal und Spanien), die Sekretärin ist Politik-Studentin und Armenierin aus der Türkei und die beiden Assistenten sind Koreaner. Vielleicht will ja einer von denen mit mir Tango tanzen? Auf dem Gang sind auch viele Lateinamerikaner unterwegs, aber zumindestens die Männer gucken mich streng an, wenn ich grüße. Ob sich das für Frauen nicht schickt?
Nach 28 Jahren hat sich die Hartnäckigkeit einer Springer Standesbeamten ausgezahlt: Aus Sorge um mein Fortkommen und meine persönliche Entwicklung bestand sie neben N. auf einem echten Frauennamen. In einem Computer-Administrator jenseits des Atlantischen Ozeans hat sie jetzt einen einsamen Anhänger gefunden. Für den kam nur mein bislang nie gebrauchter Zweitname als email-Adresse in Frage.
Ich bin nicht nur endlich wieder im Netz, was immer das wichtigste ist, sondern darf mich vom 1. Oktober auch stolze Untermieterin eine 1 1/2- Zimmer-Wohnung nennen. Ich möchte die wunderbare Lage in Fußnähe zum Times Square unterstreichen - sicher bin ich bald ein Broadway-Star! Von innen ist sie allerdings nichts für schwache Nerven. An Fenstern und Licht wurde ein wenig gespart, dafür wird meine WG mit meinem Gerzenseekollegen dadurch umso offener und freundlicher, daß auch keine Türen vorhanden sind, wenn man von Eingangs- und Toilettentür einmal absieht. Curzio sagt, das ist nicht weiter schlimm. Ich soll ihm Bescheid sagen, wenn ich einen Mann nach Hause bringe, dann kommt er etwas später. Noch wohne ich bei meiner Freundin Jenny in Stamford, Connecticut. 50 Minuten Zugfahrt zur Grand Central Station - das ist ein Kinderspiel für jeden amerikanischen Pendler. Morgens komme ich mir immer mächtig wichtig vor, wenn ich mit meinem kleinen Labtop-Köfferchen den Zug besteige. Abends bringe mich meine Business-Kollegen aus dem Financial District im Zug jedoch mit hastigem Popcorn-Verzehr zur Weißglut.Mein verzweifelter Gesichtsausdruck während der dreitägigen Wohnungssuche hat immerhin dazu geführt, daß ich eine israelische Photographin aus Queens kennengelernt habe, die mich tatkräftig unterstützte. Weiß einer, wie man Israelinnen ins Kino oder in eine Bierkneipe ködert?
Meine Ruderfreundin Anke, die einen L.L.M-Grad an der NYU anstrebt, ist bereits perfekt integriert. Sie hat eine ziemlich nette dänische Mitbewohnerin, wohnt mitten in Greenwich Village und geht in Chinatown Gemüse einkaufen. Am Sonnabend hat sich mich auf eine Party in den Washington Heights mitgenommen. Ich fand, daß die nächtliche U-Bahn-Fahrt durch Harlem auch nichts für schwache Nerven war, aber meine Frauen blieben zu jedem Zeitpunkt locker und haben sich nichts anmerken lassen. Bloß als uns ein sehr freundlicher Senegalese, der des Deutschen immerhin soweit mächtig war, daß er "ich liebe dich" sagen konnte, auf dem Rückweg auf ein Bier nach Harlem einladen wollte, zeigten sie sich unwillig seine Kenntnisse angemessen zu würdigen. Entlohnt wurde der Abenteuertrip durch eine Party mit lauter Angestellten der Federal Reserve Bank of New York. Leider untere Chargen, sonst könnte ich daraus vielleicht Profit schlagen, wenn es mit der Broadway-Karriere doch nichts wird.
Mit Nd. bin ich bereits in Medias Res gegangen. Gestern große Lagebesprechung "to gain some speed". Er ist Araber oder vielleicht ein sephardischer Jude (das kommt von Jenny - ich dachte immer, die kommen aus Portugal und Spanien), die Sekretärin ist Politik-Studentin und Armenierin aus der Türkei und die beiden Assistenten sind Koreaner. Vielleicht will ja einer von denen mit mir Tango tanzen? Auf dem Gang sind auch viele Lateinamerikaner unterwegs, aber zumindestens die Männer gucken mich streng an, wenn ich grüße. Ob sich das für Frauen nicht schickt?
Diwali bleibt
Wegen der vielen besorgten Nachfragen (danke!) sollte ich vorausschicken, dass M. und ich weder Terroristen noch einem Zugunglück zum Opfer gefallen sind. Heike schrieb, in Delhi seien die Diwali-Feierlichkeiten wegen der Terroranschläge abgeblasen worden. Hier in Udaipur sind wir weit davon entfernt. Wir böllern uns langsam aber sicher auf den Höhepunkt zu. Genau genommen sitzen M. und ich in dem kleinen Internet-Shop neben unserem Hotel fest und haben keine Ahnung, wie wir ohne weißes Taschentuch an den Chinaböllern vorbei heil nach Hause gelangen sollen.Was die Terroristen angeht, sagen wir uns, dass wir immerhin mit dem Diwali-Fest den Sieg von Gut über Böse feiern. Wir wissen nicht genau, ob wir die Chinaböller überleben. Aber die Terroristen haben in diesem gewaltätigen Handgemenge allemal schlechte Karten.
Vorgestern kam die Göttin Lakschmi zu den Hindus nach Hause. Den Rest des Jahres sind die indischen Häuser so verstaubt wie sonst nur meine Reisehose. Aber wenn Lakschmi kommt, putzen die Inder ihre Häuser blitzeblank. Fast könnten sie es mit Oma und Frau Tessma aufnehmen. Schliesslich ist Lakschmi die Göttin des Reichtums und man weiss nie, was sie so hinterlässt, wenn ihr Besuch ein gutes Erlebnis war. Bablu hat uns erklärt, dass die Inder früher neues Geschirr kauften, um Lakschmi standesgemäß bewirten zu können. Heute ziehen sie Fernseher und Waschmaschinen vor. Auch der Geschmack der Hindu-Götter, so vermuten ihre Gefolgsleute, hat sich an die neuen Zeiten angepasst.
Besser als die Böllerei gefallen M. und mir die Öllampen, die die Inder überall aufstellen, und die Sterne, die sie vor ihre Türen auf die Straße malen.
Lakschmis Besuch fiel außerdem mit einem nationalen Diskoabend zusammen. Wir wurden von allen Dachterassen der Stadt mit Hindi-Pop und Punjabi-Rock beschallt. Da wollten M. und ich natürlich nicht fehlen und kletterten voll freudiger Erwartungen auf die nächstgelegene Terrasse. Dort tanzte eine wildgewordene Horde junger Inder, die allesamt ihre Frauen zu Hause vergessen hatten. Kommen später, erklärte mir mein erster Tanzpartner. Der zweite, der zum Auffordern galant auf die Knie gesunken war, vertraute mir an, dass sie zwar alle Hausfrauen zu Hause hätten, aber immer mal wieder gerne eine kleine Affäre dazwischen schöben. M. und mir ist ein Rätsel, wo sie die kennenlernen. Vielleicht brechen sie in die Häuser anderer wildender Familienväter ein und rauben deren Frauen und Töchter?
Bald begannen wir uns außerdem zu fragen, ob die Inder uns Drogen in das Bier mischen würden, um uns ungestört, unsere Schreie mit ohrenbetäubenden Punjabi-Rock übertönend, vergewaltigen zu können. Der Moment schien uns gekommen, den geordneten Rückzug anzutreten. In Ländern, in denen die Frauen zurückgezogen in hermetisch abgeriegelten Häusern leben, haben die jungen Männer derart dicke Eier, dass man stets fürchten muss, sie platzten im nächsten Moment mit der Wucht eines Chinaböllers. Aber für diese Malaise fühlen M. und ich uns nicht verantwortlich.
Gestern haben wir uns endlich einmal wieder der höheren Kultur zugewendet und in Ranakpur einen atemberaubenden Jain-Tempel auf 1444 Marmorsäulen angesehen, von denen keine der anderen gleicht. Die lebende Kreatur ist den Jains so wichtig, dass sie Mundschutz tragen, um nicht versehentlich Insekten zu ermorden. Ihre Mönche ziehen nackt durch die Lande, betteln und nennen lediglich eine Bürste ihr Eigen, mit der sie die Strasse vor sich fegen, um nicht versehentlich auf ein Lebewesen zu treten. Entsprechend friedlich und idyllisch ist auch die Atmosphäre in ihrem Tempel in einem üppig mit Palmen und bunten Blumen bewachsenen Tal.
Auf dem Weg nach Ranakpur konnten M. und ich uns einmal mehr davon überzeugen, dass in der Gegend zwischen Jodphur und Udaipur unter Schäfern derzeit neonfarbene Turbane in Mode sind. Vermutlich hat das praktische Gründe. Sie wollen schon von weitem Fahrer auf sich aufmerksam machen. Die bremsen, wie wir bereits gelernt haben, nur im Notfall ab, zum Beispiel wenn ihnen Kühe, Kamele oder Schafsherden in den Weg kommen, die nach jahrelangem, knallharten Training im indischen Straßenverkehr Philosophen geworden sind, zumindest aber taub für jedes Hupen.
Abends kamen M. und ich nicht umhin, uns auf Udaipurs romantischen Dachterassen “Octopussy” anzusehen, einen James Bond aus den siebzigerJahren, der zur Hälfte in Udaipur spielt. Wie wir feststellten, hat sich seitdem nicht viel verändert. Insbesondere können 007-Verfolgungsjagden nur solche Zuschauer beeindrucken, die nicht schon einige wilde indische Rikschafahrten hinter sich haben.
Heute haben M. und ich eine japanische Domina kennen gelernt und einen Schweizer Antiquitätenhändler, der sich der Shiva-Sekte angeschlossen hat und in seiner Freizeit für seine Kumpels mittelalterliche Ritterkostüme in Indien anfertigen lässt. Weil der uns aus Anlass des Diwali-Finales ein paar Biere ausgegeben hat, fühle ich mich außer Stande, Euch heute bereits jetzt alle Details zu berichten. Wir sprechen uns morgen.
Vorgestern kam die Göttin Lakschmi zu den Hindus nach Hause. Den Rest des Jahres sind die indischen Häuser so verstaubt wie sonst nur meine Reisehose. Aber wenn Lakschmi kommt, putzen die Inder ihre Häuser blitzeblank. Fast könnten sie es mit Oma und Frau Tessma aufnehmen. Schliesslich ist Lakschmi die Göttin des Reichtums und man weiss nie, was sie so hinterlässt, wenn ihr Besuch ein gutes Erlebnis war. Bablu hat uns erklärt, dass die Inder früher neues Geschirr kauften, um Lakschmi standesgemäß bewirten zu können. Heute ziehen sie Fernseher und Waschmaschinen vor. Auch der Geschmack der Hindu-Götter, so vermuten ihre Gefolgsleute, hat sich an die neuen Zeiten angepasst.
Besser als die Böllerei gefallen M. und mir die Öllampen, die die Inder überall aufstellen, und die Sterne, die sie vor ihre Türen auf die Straße malen.
Lakschmis Besuch fiel außerdem mit einem nationalen Diskoabend zusammen. Wir wurden von allen Dachterassen der Stadt mit Hindi-Pop und Punjabi-Rock beschallt. Da wollten M. und ich natürlich nicht fehlen und kletterten voll freudiger Erwartungen auf die nächstgelegene Terrasse. Dort tanzte eine wildgewordene Horde junger Inder, die allesamt ihre Frauen zu Hause vergessen hatten. Kommen später, erklärte mir mein erster Tanzpartner. Der zweite, der zum Auffordern galant auf die Knie gesunken war, vertraute mir an, dass sie zwar alle Hausfrauen zu Hause hätten, aber immer mal wieder gerne eine kleine Affäre dazwischen schöben. M. und mir ist ein Rätsel, wo sie die kennenlernen. Vielleicht brechen sie in die Häuser anderer wildender Familienväter ein und rauben deren Frauen und Töchter?
Bald begannen wir uns außerdem zu fragen, ob die Inder uns Drogen in das Bier mischen würden, um uns ungestört, unsere Schreie mit ohrenbetäubenden Punjabi-Rock übertönend, vergewaltigen zu können. Der Moment schien uns gekommen, den geordneten Rückzug anzutreten. In Ländern, in denen die Frauen zurückgezogen in hermetisch abgeriegelten Häusern leben, haben die jungen Männer derart dicke Eier, dass man stets fürchten muss, sie platzten im nächsten Moment mit der Wucht eines Chinaböllers. Aber für diese Malaise fühlen M. und ich uns nicht verantwortlich.
Gestern haben wir uns endlich einmal wieder der höheren Kultur zugewendet und in Ranakpur einen atemberaubenden Jain-Tempel auf 1444 Marmorsäulen angesehen, von denen keine der anderen gleicht. Die lebende Kreatur ist den Jains so wichtig, dass sie Mundschutz tragen, um nicht versehentlich Insekten zu ermorden. Ihre Mönche ziehen nackt durch die Lande, betteln und nennen lediglich eine Bürste ihr Eigen, mit der sie die Strasse vor sich fegen, um nicht versehentlich auf ein Lebewesen zu treten. Entsprechend friedlich und idyllisch ist auch die Atmosphäre in ihrem Tempel in einem üppig mit Palmen und bunten Blumen bewachsenen Tal.
Auf dem Weg nach Ranakpur konnten M. und ich uns einmal mehr davon überzeugen, dass in der Gegend zwischen Jodphur und Udaipur unter Schäfern derzeit neonfarbene Turbane in Mode sind. Vermutlich hat das praktische Gründe. Sie wollen schon von weitem Fahrer auf sich aufmerksam machen. Die bremsen, wie wir bereits gelernt haben, nur im Notfall ab, zum Beispiel wenn ihnen Kühe, Kamele oder Schafsherden in den Weg kommen, die nach jahrelangem, knallharten Training im indischen Straßenverkehr Philosophen geworden sind, zumindest aber taub für jedes Hupen.
Abends kamen M. und ich nicht umhin, uns auf Udaipurs romantischen Dachterassen “Octopussy” anzusehen, einen James Bond aus den siebzigerJahren, der zur Hälfte in Udaipur spielt. Wie wir feststellten, hat sich seitdem nicht viel verändert. Insbesondere können 007-Verfolgungsjagden nur solche Zuschauer beeindrucken, die nicht schon einige wilde indische Rikschafahrten hinter sich haben.
Heute haben M. und ich eine japanische Domina kennen gelernt und einen Schweizer Antiquitätenhändler, der sich der Shiva-Sekte angeschlossen hat und in seiner Freizeit für seine Kumpels mittelalterliche Ritterkostüme in Indien anfertigen lässt. Weil der uns aus Anlass des Diwali-Finales ein paar Biere ausgegeben hat, fühle ich mich außer Stande, Euch heute bereits jetzt alle Details zu berichten. Wir sprechen uns morgen.
Abonnieren
Posts (Atom)