Sonntag, 30. September 2007

The U-Bahn and the spirit of a city

Nowhere can you sense the spirit of a city as acutely as in its subway. Its rythm and its crowdedness, its diversity, the general mood of its passengers and their pass-times will tell you almost everything you need to know about where you are.

Berlin' s U-Bahn is peaceful and quiet compared with its more vibrant, diverse and sometimes brutal counterparts belonging to real metropoles, such as New York, Paris or London. It transports much more simply dressed people than its namesakes in Hamburg, München and Frankfurt. This is a testimony to the economic misfortunes that isolation and the wall have brought to the city. Its beggars, its inofficial vendors of street magazines and its usually untalented musicians-by-necessity trying to appeal to co-passengers sometimes create scenes that seem reminiscent of the city's chaotic 1920s past.

Berlin passengers are more serene than in Paris where the standard state of mind sometimes seems to be anger about the length of their commute, the crowdedness, the crowd's smell and about the difficulty to find a decent jobs in other French cities with shorter commutes. But they are also more distant than in New York where perfect strangers are capable of telling you everything about their dreams and aspirations that have brought them to this city full of promises and of deceptions.

On the other hand, people have enough space to act in the Berlin U-Bahn, which they don't in some of the more cosmopolitan metropolitans. That can make for some interesting shows. Recently, I was sitting opposite a teenage girl who sported so many piercings that I couldn't help imagine the clinging sound she must make while walking. All the way from Alexanderplatz to Charlottenburg she kept reading to a friend on her mobile phone hard-to-believe pieces of news from a tabloid newspaper, like the one about the unknown Berliner who had cracked the jackpot but wouldn't report to the organisers to claim his prize.

Well, now I know why all the teenagers are drowning in debt as a result of sky-rocketing mobile phone bills. I hope the girl has a flatrate. For the phone that is, not for her drinks at night.

If you want to understand the current state of the world around you or explore a city, I cannot recommend the car.

Bollywood

Bei einem modernen Indienurlaub darf ein Kinobesuch auf keinen Fall fehlen. In Ms Reiseführer steht, wie viele Filme jährlich in Bombay produziert werden - das stellt alles in den Schatten, was sich in unserer müden westlichen Traumfabrik abspielt. Dementsprechend hatten wir die höchsten Erwartungen an unseren Besuch im Raj Mandir, dem größten Kinopalast Jaipurs. Wir wurden nicht enttäuscht.

Der Erfolg des Kinobesuchs rechtfertigte auch die halsbrecherische Rikshafahrt mit zwei Franzosen und ihren Rucksäcken, die uns galant in ihr Gefährt eingeladen hatten, damit wir rechtzeitig ins Kino kommen konnten. Nur mussten M. und ich unsmit dem Fahrer auf dessen Einmannsitz drücken und ich war auf die Macht von Stoßgebete angewiesen, als einziges Mittel, um meine aus dem Fahrzeug stakenden Knie zu behalten. Abstand ist nicht der Inder Stärke. Nicht umsonst bitten sie auf der Rückseite ihrer Fahrzeuge in schreienden Farben "please horn" und "keep distance".

Schon der Kinopalast ist aus außen- und innenarchitektonischer Sicht einen Besuch wert und kann es in gewissener Hinsicht mit seinen älteren und edleren Vettern, den Maharadja-Palästen, durchaus aufnehmen. In meinem Führer steht, er sei eine Mischung aus einem dieser Paläste und Walt Disney. Ich möchte anfügen, dass auch noch ein wenig Sahnetorte dabei ist. In jedem Fall ist er riesig und die Inder hübschen sich für einem Besuch weit mehr auf als die Wiener, die diesbezüglich allerdings auch nicht mehr sind, was sie früher mal waren, für einen Besuch im Burgtheaters. Die indischen Männer holen ihre besten Hemden hervor und die Frauen ihre schönsten und farbenprächtigsten Saris.

In Schlangen drängeln die Inder gestählt vom Straßenverkehr, grundsätzlich derart rücksichtslos, dass M. und ich es in den Tempeln, Palästen und Museen nur dann bis zur Kasse schaffen, wenn wir unsere gute Kinderstube komplett vergessen. Deswegen waren wir im Raj Mandir ganz froh, dass es eine Extraschlange für Ladies gab. Die setzen in diesen Breitengraden ihre Ellenbogen doch etwas sparsamer ein als die Gents.

Die Ladies-Toiletten wiederum -waren ein Schauspiel für sich. An den Türen prangt unter dem Konterfei einer edlen, verschleierten Schönheit in geschwungenen Lettern die verwirrende, aber nur teilweise irreführende Aufschrift "cosmetics". Das ist insofern korrekt, als hinter dieser Tür auf Plastikhockern kichernde Omis in bunten Saris vor riesigen Spiegeln sitzen und sich nachschminken. Den weniger mondänen Teil dieser Einrichtung nutzen nur einige versprengte Europäerinnen.

Ein ernstzunehmender indischer Film ist ein barock verschlungener Epos von mindestens dreistündiger Länge und enthält zahlreiche Gruppentanz-und Gesangsszenen. In der Pause setzt man sich mit seinen Kumpels, seinem Liebsten oder seinem Opa in ein Separée auf das Plüschsofa und trinkt Limonade. Wer keinen Sitter dafür gefunden hat, bringt sein Baby einfach mit. Kinder ab dem sechsten Lebensjahr sind ohnehin fest in den Kinobesuch eingeplant, auch wenn Liebesszenen darin vorkommen, in denen der nackte Rücken des Liebhabers zu sehen ist.

Ein bisschen gehandicapt waren M. und ich auf grund unserer mangelnden Hindi-Kenntnisse. Zum Glück hatte unser Sitznachbar Mitleid mit uns und erklärte vorab die Grundzüge der Handlung, die zum Glück nicht so komplex war, als das man ihr nicht auch ohne dies hätte folgen können. Die Geschichte war erstaunlich modern und handelte von zwei Exil-Indern in Sidney, die sich entgegen allen gesellschaftlichen Zwängen ihrer Heimat zu einer wilden Ehe entschliessen. Zum Drama kommt es erst, als sie schwanger wird und doch heiraten, er aber abtreiben möchte, weil sonst nicht mehr jeder Tag wie eine frische Liebe ist und er sich im übrigen vor Verantwortung scheut. Weil die Frau aber stark, hübsch, intelligent, lustig und patent ist, bekommt sie ihr Kind doch, dann eben ohne den unreifen Schwerenöter. Der wiederum knickt kurz vor der Geburt ein und kauft doch noch einen Diamantring,den er nach einigen Irrungen und Wirrungen kurz vor der finalen Presswehe auch noch los werden kann.

M., die zunächst ernsthafte Zweifel daran geäussert hatte, dass wir es bis zum Ende aushalten würden, vergoss am Ende sogar die eine oder andere Träne.

Ansonsten haben wir in Jaipur imposante Maharadja-Palaeste gesehen,vereinzelt auch Kamele und Elefanten, die Herrscher selbst hielten sich aber zu unserem Verdruss vor uns versteckt. Der einzig verfügbare Prinz war Abbu, unser Rikshafahrer, der aber gleichzeitig unser Bruder ist, wie er uns sofort versicherte. Abbu kennt sich gut in heimischen Marmorgravuren aus und hat eine imposante Sammlung von Poesiealben mit Liebesschwüren und Lobpreisungen verfasst von früheren Kundinnen (auch alles seine Schwestern). Da er ein wenig aggressiv fährt und insbesondere Schwächeren im Strassenverkehr wenig Luft zum Atmen lässt, erlagen M. und ich seinen Reizen nicht gar so sehr wie unsere Vorgängerinnen. Das führte offenbar zu einigen Spannungen, die einen vorläufigen Höhepunkt erreichten als M. und ich anfingen, Variationen den von Abbu vorgegebenen Programmpunkten zu erfinden. Am Ende durften wir aber doch in das Poesiealbum schreiben, obwohl er fürchtete, dass es sich nur um Beschwerden handeln koenne. Er gab uns noch einige gut Tipps mit auf dem Weg dahingehend, dass alle Inder "F.." seien (sic!) und wir uns vor ihnen hüten sollen. Ausserdem sollen wir in Pushkar, wo wir als nächstes hinfahren, nicht mit betrunkenen Israelis schlafen, denn dort gibt es bereits 88 Fälle von HIV. Abbu holte uns extra eine aktuelle Tageszeitung auf Hindu, in der die Zahl 88 vorkam, um seinen Warnungen Nachdruck zu verleihen. Das zwingt M. und mich natürlich zu einer radikalen Änderung unserer Pläne, aber bekanntlich sind wir flexibel.

Montag, 24. September 2007

L'amour und la sécu

Eigentlich habe ich mit Gesundheitssystemen gar nichts zu schaffen. Nicht einmal mit Ärzten. Die meiste Zeit bin ich kerngesund. Aber in letzter Zeit verfolgen sie mich, die Gesundheitssysteme. Auf finsteren Wegen, die niemand nachvollziegen kann, am allerwenigsten ich selbst, bin ich dazu gekommen, etwas über die jüngste deutsche Gesundheitsreform schreiben zu müssen. Und dann ist da dieser Film, den sie im Kino zeigen, der alle Nachteile nicht-amerikanischer Gesundheitssysteme schamlos verschweigt und nur deren glücklichste, wohlhabendste Nutznießer zeigt, die als drittgrößten Haushaltsausgabenposten nach dem Hypothekenkredit und dem Auto, "le poisson" und "les légumes" angeben. Das soll den Amerikanern vor Augen führen, dass Sozialismus und Kosum nicht unvereinbar sind.

Um herauszufinden, ob der Film die Nachteile des amerikanischen Gesundheitssystem ebenso schamlos übertreibt wie die Vorteile aller anderen, fragte ich Laura. Sie ist Kunsthandwerkerin. Nein, bestätigte sie mir, das bringt nicht genug Geld ein, um in Amerika krankenversichert zu sein. Nach der Kunsthochschule in Massachussets, einem sozialistischen Bundesstaat nicht weit von Europa, der seine Studenten billig versichert, hat sie nie eine Versicherung gehabt. Wie sie das denn gemacht hätte? Na, sie sei eben nie zum Arzt gegangen. Und die Vorsorgeuntersuchungen beim Zahnarzt, ohne die man die dritten Zähne nicht mehr erstattet bekommt, lag es mir auf der Zunge zu fragen. Zum Glück sprach ich es nicht aus. Aber Laura kann Gedanken lesen und fügte hinzu, sie hätte Glück gehabt und nie Karies. Wahrscheinlich gibt es in Amerika so ein umgekehrtes moralisches Risiko, bei dem sich die Leute alle besser die Zähne putzen, weil sie nicht versichert sind.

Dann erzählte sie mir die haarsträubende Geschichte von ihrem Unfall.

Gleich nachdem sie in Paris angekommen war, wurde sie von einem Lastwagen angefahren. Hilfsbereite Franzosen kamen von allen Seiten herbeigeeilt, nahmen sich ihrer an, sammelten die Einkäufe ein und riefen den Notfallwagen. Nur dass Laura beim Anblick des Wagens eine Panikattacke bekam, sich mit Händen und Füßen wehrte, zappelte, so gut es ihre verletzten Beine zuließen und brüllte, dass sie da nicht hinein wolle. Nur mit den vereinten Kräften der französischen Passanten gelang es, sie ins Krankenhaus zu bringen. Denn Laura weiss, dass eine Fahrt ins Krankenhaus 1000 Dollar kostet.

Im Krankenhaus erklärte Laura der Empfangsdame, die ihre Daten aufnahm, verschüchtert und kleinlaut in gebrochenem Französisch, sie habe keine Versicherung. Die Empfangsdame antwortete mit dem, was eine Freundin von mir wenig vornehm und auch etwas despektierlich als Mundpups bezeichnet.

Als Elodi schließlich kam, um Laura beizustehen, war sie in Tränen aufgelöst. "Die haben mich in einen Krankenwagen gezwungen", heulte sie, " und ich habe doch keine Versicheruhuhuhuung."

Es dauerte eine Weile, bis sie verstanden hatte dass sie den Ausflug im Krankenwagen nicht würde zahlen müssen. Aber nachdem sie es verstanden hatte, ist sie nie wieder zurück nach Amerika gegangen. Vielleicht haben auch andere Dinge eine Rolle gespielt. L'amour zum Beispiel, le vin und le poisson. Aber wer weiss, vielleicht hat auch la sécu seinen Anteil daran.