Samstag, 19. Januar 2013

Über Viren und die menschliche Eitelkeit/acht Millionen geschundene 11.-September-Seelen


Email aus New York, Sommer 2002

Nachdem es etliche Klagen über zusammenbrechende Mailboxen gab, alle Leser mit hotmail-account die letzte, reich bebilderte Nachricht nicht erhalten haben, und Malte Bedenken äußerte, die knallharte digitale Realität könne eventuell hinter meinen blumigen Schilderungen zurückbleiben, habe ich mich entschieden, mich doch wieder mehr auf meine Qualitäten als Geschichtenerzählerin zu konzentrieren und allenfalls ab und zu noch einmal ein besonders gelungenes Foto zu schicken. Ich sage mir "Schuster bleib bei Deinen Leisten", denn schließlich will ich nicht so enden wie Daimler Benz, die jedesmal auf die Nase fallen, wenn sie versuchen sich zu diversifizieren.

Nun habe ich aus Angst vor Viren, drei Jahre lang von jeder Datei, die meine Doktorarbeit betraf, völlig umsonst Sicherheitskopien gemacht : Eine auf dem Desktop, eine auf dem Notebook, eine auf dem Server und eine mußte mein Vater jeden Abend auf seinem Computer ablegen, ohne genau zu wissen, was er da tut. Jetzt hat es mich getroffen. Ein Wurm schlich sich auf meinem Computer ein, den mir Werner Bönte geschickt hatte, wahrscheinlich als Dank dafür, daß ich immer seine Aufsätze lese und mit meinen intelligenten Kommentaren Schwung in seine wissenschaftliche Karriere bringe.

Ich habe keinerlei Anhänge geöffnet und mich auch sonst völlig korrekt verhalten. Die Betreffzeile war sofort verdächtig, dennoch wollte ich eben mal "previewen", wie man im Hacker-Slang sagt, um zu sehen, ob es doch etwas Wichtiges ist. Schon war es passiert. Das Virenkiller-Programm ließ sich aus irgendeinem Grund nicht installieren, was ich sogleich auf die üblen Machenschaften des Virus zurückführte. Nach mehreren Stunden hektischen Recherchierens im Internet und etlichen panischen Anrufen bei Luca und Malte, der zur Ruhe mahnte, hatte ich dann auch irgendwann den Namen des Virus, genauer handelte es sich um einen Wurm, herausgefunden und mich über die Besonderheiten seiner Übeltaten informiert. Eigentlich gab es im Internet auch Anleitungen, wie man ihn manuell entfernen kann, aber so richtig konnte ich mit alledem nichts anfangen. Nachdem Alejandro anfing, mir von seiner Grippe zu erzählen, als ich ihn um Hilfe bei dem Kampf gegen den Virus bat, kam ich zu dem Schluß, daß hier Fachmann ranmuss und machte mich auf zu Computer Services am Astor Place.

Ich sollte bei dieser Gelegenheit kurz anfügen, daß hier trotz 30 Grad Celsius Außentemperatur jeder Grippe hat, weil sich die Amerikaner einen Spaß daraus machen, mit ihrer Klimaanlage Büros und U-Bahnen auf Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt zu bringen und dafür Straßen und U-Bahn-Schächte auf 40 Grad zu heizen. Neulich erzählte Anna, daß 1.) die Frau von Francesc mit Winterpulli und HEIZKÖRPER ins Büro geht und daß 2.) der angehende Vermieter ihrer Freundin mit einem entnervten "Oh you Europeans with your windows" reagierte, als sie sich erkundigte, ob man vielleicht die Fenster auch öffnen könne. Das ist dann immer unser Einsatz, verzweifelt die Hände gen Himmel zu strecken und in ein lautes europäisches Wehklagen über die Sünden und Perversionen der Amerikaner auszubrechen. Das ist unser Lieblingsspiel, wir machen das mindestens einmal am Tag. Insgeheim stelle ich mir vor, daß die alten Germanen Ähnliches taten, wenn sie mit ihren Keulen in Rom zu Besuch waren, und die Patrizier dabei beobachteten, wie sie mit Pfauenfedern in ihrem Hals kitzelten, um nachher noch ein bißchen weiter essen zu können. Man fühlt sich dann einfach nicht mehr so schäbig dabei, auf den Bäumen zu leben. Ist es das?

Aber zurück zum Thema: Auf der Reeperbahn fällt es mir ab und zu mal schwer, junge Männer zu bezirzen, aber wenn ein feindlicher Virus droht meine getane Arbeit zu zerstören und künftige Schaffenskraft zu hemmen, dann kann ich zu Höchstformen auflaufen. Sicher ist es nicht die Aufgabe von NYUs Computer Services Abteilung Viren von den privaten Computer illegal eingereister Gäste zu entfernen, doch der Chinese am Empfang war im Handumdrehen mein und Schwups hatte ich einen Termin am nächsten Tag, für den er sich ein geschlagene Stunde Zeit nahm, um gemeinsam mit mir dem Virus den Garaus zu machen.

Da ich nun schon so ein persönliches Verhältnis zu ihm geknüpft hatte, faßte ich die Gelegenheit beim Schopfe, um mich über ein Rätsel aufklären zu lassen, das meiner Freundin Ines keine Ruhe läßt: Was veranlaßt Virenprogrammierer zu ihren Missetaten? Das sei doch nicht so, daß man dadurch zu Ruhm und Ehren gelangen könnte, argumentiert Ines leidenschaftlich und wild gestikulierend - fast wie ein Italiener, der sich über Amerika aufregt – so wie wenn man einen Aufsatz im „American Economic Review“ veröffentlicht. Und doch ist es genau das, erklärte mir der Chinese. "Recognition" gab er als Motivation an. Als ich einwandte, daß doch niemand wissen könne, wer den Virus programmiert hat, antwortete er "your peers will know". Also, Ines, weißt Du jetzt Bescheid? Für den „American Economic Review“ interessieren sich schließlich auch nur die anderen Torfköpfe, die davon träumen, dort zu veröffentlichen. Wenn man ein bißchen abstrakt denkt, ist alles im Leben im Grunde das gleiche.

Eine interessante Studie über die menschliche Eitelkeit konnten wir auch am Mittwoch anfertigen, als ich mit Sophie aus Starnberg zu "Spice" ging, einer Tanzveranstaltung auf einem Bootssteg in Chelsea. Dort fegte ein ausgesprochen gutaussehender Türke in unserem Alter wie ein junger Salsa-Gott über die Tanzfläche. Er sollte sich nur wenig später als Sophies Doktorvater entpuppen. Zunächst tanzte er etliche gewagte Salsas mit seiner Doktorandin, nicht ohne sie dabei fallen zu lassen. Ich hoffe, daß ist kein böses Omen für ihre Diss, aber ich glaube nicht. Das sieht alles sehr chefig aus, was sie da macht. Dann beklagte er sich darüber, er würde immer bemitleidet, wenn er seinen Beruf angibt. Hochschullehrer zu sein, ist hier in Amerika nur wenig prestigeträchtiger als Highschool-Lehrer und vor allem auch nicht sehr viel lukrativer. Auch wenn wir uns das immer anders vorstellen, in Amerika gibt es 20 bis 50 Elite-Universitäten, für die man ein toller Hecht sein muß, um dort unterrichten zu dürfen, und an denen die Professoren gut verdienen. An den restlichen 6000 Universitäten arbeiten dem Türken zufolge nur arme Teufel. Und irgendwie gelingt es dem bemitleidenswerten Kerl wohl nicht, seinen Gesprächspartnern unterzujubeln, daß er zu der ersten Kategorie gehört.

Ich wollte schon Mitleid mit ihm haben, weil ich befürchtete, daß er immer in der Einkommensklasse zwischen 20.000  und 30.000 Dollar eingeordnet wird (auch darüber klagte er), und dann trotz angenehmer äußerer Erscheinung keine Schnitte beim schönen Geschlecht hat. Aber dann wollte Sophie von ihm die schmutzigen Details der Cocktail-Party anläßlich der Society of Economics Design Konferenz erfahren. Als er lahm behauptete, es gäbe nichts Interessantes zu berichten, konfrontierte sie ihn kurzerhand mit den Knutschflecken, mit denen er offenbar bei seinem Vortrag aufgelaufen war.

Zum einen bin ich jetzt sehr beeindruckt, denn ich kann mir beim besten Willen keinen meiner Professoren Salsa tanzend vorstellen und noch viel weniger mit Knutschflecken auf einer Konferenz. Zum anderen glaube ich jetzt Ines Schilderungen aufs Wort, daß wissenschaftliche Konferenzen hauptsächlich zum Trinken und Flirten genutzt werden, und daß man bei letzterem Vergnügen sich als Frau eindeutig auf der kurzen Marktseite bewegt. Ich freue mich jetzt doppelt auf Venedig und Lissabon. Sophie meint übrigens, sie hätte jetzt eine Menge für unser beider Vergnügen getan und nächstes Mal müsse ich nun N. mit zum Tanzen bringen. Ich habe versprochen, dies bei unserem nächsten wissenschaftlichen Gespräch anzuregen, aber meistens kann ich mich sowieso nicht durch die Phalanx afghanischer Gesandter und finster dreinblickender Warlords bis zu seinem Büro kämpfen. Hinzu kommen noch gewisse Zweifel, ob N. die Salsa-Schritte so beherrscht wie sein junger Kollege, aber davon habe ich Sophie nichts erzählt.

Am Donnerstag war ich im Pfiff, wo Luca kellnert und nahm etliche Drinks mit einem jungen Mann zu mir, der sich mir als westfälischer Bauer vorstellte. Er würde nur vorübergehend eine Fett-Eiweiß-Diät machen - das ist jetzt die neueste Entdeckung in Amerika – in der langen Frist bräuchte er dann aber wieder Kartoffeln. Beruflich macht der westfälische Bauer übrigens Direktmarketing. Unter anderem vermarktet er das Acht-Minuten-Dating, bei dem man mit acht verschiedenen Menschen des anderen Geschlechts jeweils acht Minuten reden muß, um dann schnell zu entscheiden, ob man eine Freundschaft, eine Liebesbeziehung, eine Geschäftsbeziehung oder gar nichts mit ihnen anfangen will.

Danach schüttete mir Lucas Chef, der ein westfälischer Bildhauer und im Nebenberuf Gastronom ist, sein Elftes-September-Herz aus. Er schilderte alle Details, wie er das erste Flugzeug kommen sah, zunächst noch an ein Unglück glaubte, dann aber das zweite kam, und wie innerhalb von fünf Sekunden der erste Turm zusammenbrach. Um dies zu veranschaulichen, zählte er immer wieder bis fünf. Dann die nächsten Tage, wie man ihn nicht mehr nach SoHo zu seiner Wohnung lassen wollte, weil er Ausländer war, wie ihn die Polizei diskriminierte und so weiter und so fort. Und nun kommen die Auswärtigen nicht mehr in sein Restaurant, sondern bleiben schön in Brooklyn und New Jersey. Das glaube ich sofort, denn heute kommt mich Jenny besuchen, die nach dem elften September nie wieder in New York war. Sie ist völlig außer sich vor Angst. Ich weiß gar nicht, was sie hier erwartet, außer daß man leider die Türme nicht mehr sehen kann.

Persönliche Geschichten vom elften September hört man hier von fast jedem, mit dem man länger als eine halbe Stunde spricht. Am 4. Juli haben wir am Grill Stunden damit verbracht. "Everyone has their story - there are eight million of them" meinte Brians englischer Mitbewohner zufrieden, als er mit seiner fertig war. Die Ausländer sind übrigens sehr viel gelassener als die Amerikaner, wahrscheinlich haben die einfach nicht genug Katastrophenerfahrung. Umso weniger verstehe ich, warum Bush so heiß darauf ist, den Irak anzugreifen.

Nachdem Dave nun jahrelang das amerikanische System gegeißelt hat und so stolz darauf war, Israeli und Deutscher zu sein, aber kein Amerikaner, will er sich nun doch einbürgern lassen Seine Begründung: " I wanna kick Osama Bin Laden’s ass".

Sonntag, 13. Januar 2013

Amerikanischer Patriotismus


Email aus New York, Sommer 2002

Heute ist eine große Premiere denn erstmalig wird mein Bericht von den Ergebnissen erster Gehversuche mit der digitalen Kamera begleitet. Von einem illustrierten New York Bulletin will ich lieber nicht sprechen, denn noch tue ich mich mit dem Licht etwas schwer und insbesondere meine Nachtaufnahmen lassen noch sehr zu wünschen übrig. Unten eine kleine Kostprobe aufgenommen während eines Freilichtkinobesuchs in Midtown Manhattan. Freue mich über alle Tips, wie man meine Aufnahmen verbessern könnte.

Dennoch ist es ein großes Glück, daß ich meine Berichte nunmehr illustrieren kann, denn so kann ich Euch einen sehr anschaulichen Eindruck davon vermitteln, zu welcher Blüte der amerikanische Patriotismus nach dem 11. September gelangt ist. Nicht nur mein morgendlicher Weg zur U-Bahn ist von amerikanischen Flaggen gesäumt, sondern auch mein Vermieter John mit seinem Hang zu allzu knappen Shorts und sein Nachbar lassen ihre Flaggen um die Wette flattern. Damit ich auf keinen Fall vergesse, daß der American Spirit unzerstörbar ist, hat mir John auch gleich noch eine Flagge über den Kopf gehängt. Hierbei muß ich betonen, daß es sich bei meiner Haustür nicht etwa um den prunkvollen weißen Eingang mit der Zahl 1661 handelt. Ich taste jeden Abend im Dunkeln die Türe links unten ab und versuche die Schlüssellöcher zu finden. Dabei schicke ich Stoßgebete in den Himmel, daß keine Maus gemeinsam mit mir das Kellerloch betritt. John war nämlich so geschickt, zwar eine Lampe vor meiner Tür zu montieren, diese läßt sich aber nur von innen ein- und ausschalten. Und da ich keineswegs den Ehrgeiz habe, es den Amerikanern in Sachen Energieverschwendung gleichzutun, verzichte ich darauf, morgens das Licht anzuschalten und verlasse mich lieber nachts auf meinen Tastsinn.

Der Nachteil, daß man das Außenlicht nur von innen anstellen kann, wird allerdings hinlänglich dadurch ausgeglichen, daß ich dafür Johns Licht in seinem Treppenhaus anstelle, wenn ich versehentlich den falschen Schalter erwische. Hierauf machte mich John vergangene Woche erbost mit einem nächtlichen Anruf aufmerksam. Bei dieser Gelegenheit konnte ich mich wieder einmal davon überzeugen, daß die Amerikaner augenscheinlich nichts davon halten, Häuser mit soliden Türen oder Wänden zu bauen. Ich konnte allen Ernstes hören, wie John die Tasten seines Telefons betätigte, bevor es bei mir klingelte. Im Grunde genommen hätte er mir sein Anliegen auch ohne Telefon vortragen können.

Zur Entlastung der New Yorker Bürger in Sachen ostentativen Patriotismus sollte ich hinzufügen, daß die Bürger von Park Slope Stadtmeister im Flagge zeigen sind. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, daß diese Gegend zwar als "Best Literary Neighborhood" bekannt ist, aber die Literaten hier scheinen alle WASPs zu sein. Für Nichteingeweihte: White Anglo-Saxon Protestants. Aber abgesehen davon, daß mir meine Nachbarn manchmal zu weiß sind und zu hitzig Flagge zeigen, ist Park Slope sehr schön: Lebendig, voller Cafés und Restaurants und mit einem wunderschönen Park ausgestattet, in dem ich es fertig gebracht habe, gestern Abend anläßlich eines Freiluftkonzerts ohne Ausnahme alle meine Freunde zu verpassen. Na ja, dafür bin ich heute bestens ausgeschlafen...

Heute morgen habe ich bereits meine nachbarschaftlichen Verhältnisse gepflegt, indem ich einer jungen Frau im Waschsalon zuraunte, daß ihr Schild aus dem knappen Oberteil hinge - sie war sehr dankbar. Weniger gut gelang mir die Nachbarschaftspflege mit einer jungen Frau, die nicht nur das Schild, sondern gleich ein Viertel ihrer Unterhose hervorlugen ließ, vermutlich um ihre Tätowierung gleich darüber zur Geltung zu bringen. Nein, natürlich habe ich sie nicht darauf aufmerksam gemacht. Ich bin weltgewandt und erfahren und weiß, daß solcherlei Outfit bei den jungen Leuten in Mode ist. Ich wollte sie lediglich in eine Diskussion über die New Yorker Müllprobleme verwickeln und mich darüber empören, daß Bürgermeister Bloomberg das Recyceln von Plastik und Flaschen einstellen ließ, wie in meiner New York Times zu lesen war. Daraufhin ergriff sie ohne ein Wort des Abschieds die Flucht, obwohl wir doch gerade erst so gemütlich auf den Stühlen vor dem Waschsalon Platz genommen hatten. Vielleicht hätte ich doch lieber über Ecstasy sprechen sollen...

Den amerikanischen Nationalfeiertag grillte ich bei hundert Prozent Luftfeuchtigkeit gemeinsam mit dem Fleisch in einem Brooklyner Hinterhof und ließ mich von den dort ansässigen Muskelpaketen darüber aufklären, ob wann, wie oft und unter welchen Umständen ihre Ehefrauen die Polizei rufen, wenn sie sich mit ihnen streiten. Danach jagte ich mit NYU-Studenten aus Kansas und Mobile, Alabama, auf dem Dach von Brians Haus Flaschenraketen in die Luft, offenbar um dem 4.-Juli-Feuerwerk ein bißchen Dampf zu machen, während Brians Mitbewohner aus London verärgert in seinen nichtvorhandenen Bart grummelte, er wolle diesen "White Trash" auf seinem Dach haben. Wer mich etwas besser kennt, ahnt schon, daß ich an der Böllerei nicht einmal passiv beteiligt war, aber wenigsten wißt ihr jetzt, daß ich schon bestens in Brooklyn integriert bin.

Um die Integration zu beschleunigen, habe ich auch bereits mit Sandra aus Starnberg, die an der NYU promoviert und passenderweise im puertoricanischen Teil Williamsburgs mit ihrem chilenischen Freund lebt, in ihrer Nachbarschaft Tango getanzt. Wegen Männermangels übernahm ich galant die Führung. Sophie zeigte sich allerdings ein bißchen verhalten, da die Drehung, die wir einstudieren sollten, in einer kunstvollen Verhakelung unserer Beine bestand und daher im hohen Maße erotisch war. Dennoch hatten wir eine Menge Spaß und haben nun vor, uns demnächst auf Outdoor-Tango-Safari zu begeben.

Ansonsten sehe ich meine alten Freunde alle wieder, war schon mit Elio im Central Park in der Freilichtoper, mit Yvette, Helena und David malayisch essen, mit einer bunten Mischung aus Italienern, Japanern und Peruanern am Strand in Long Island und mit meinem alten argentinischen Mitbewohner Lucas im Central Park. Danach dürstete uns sehr nach einem Aperitif. Leider begingen wir dabei den großen Fehler, unsere erste Gelegenheit hierzu in der 52. Straße links liegen zu lassen, in der Hoffnung wir könnten noch etwas Besseres finden. Dieser Wunsch erfüllte sich allerdings erst nach einem mehrstündigen Fußmarsch durch ganz Manhattan im East Village zu einer Uhrzeit, zu der die meisten Menschen schon den Digestiv hinter sich haben. Wir merken uns für später: Die Amerikaner halten nicht viel vom Aperitif.

Lucas bereitet übrigens gerade eine Demo-Version einer wöchentlichen Fashion-und-Celebrities-Sendung vor, die er an einen Latino-Sender verkaufen will. Luli, seine Mitbewohnerin, macht sich demnächst nach Mexico City auf. Nachdem sie sich mehrere Jahre in New York mit Hip-Hop-Tanzstunden und Gesangsunterricht auf ihre Karriere als Popstar vorbereitet hat, ist sie nun zu dem Schluß gekommen, daß sie das Feld von hinten aufrollen und erstmal in Lateinamerika ein Star werden sollte, bevor sie den US-amerikanischen Markt erobert. Aber seit ich strikt Maltes Rat befolge, immer zu antworten "I work with models", wenn ich nach meiner Profession gefragt werde, komme ich im künstlerischen New York bestens klar.

Montag, 4. Oktober 2010

Perpignan, die Katalonin

Heute Nachmittag wollen wir uns Perpignan ansehen, die einstmals stolze Haupstadt von Nordkatalonien. Katalonien ist eine von mehreren Grenzregionen, deren spanischer Teil um Unabhängigkeit und deren französischer Teil um Aufmerksamkeit vom Rest des Landes kämpft. Der Schatz hält den spanischen Separatismus – wie alle anderen Separatismen auch - für nichts als Wohlstandschauvinismus. Die wollen den ärmeren Regionen des Landes einfach nichts abgeben genau wie die Norditaliener und die Flamen, sagt er und schnaubt dabei wütend durch seine sozialistischen Nüstern. Ich will das nicht auschließen aber immerhin geben sich die Spanier Mühe, ihre materialistischen Ziele mit Folklore zu verbrämen: Volkstänze, lokale Köstlichkeiten, Regionalsprachen, von denen entweder niemand weiß, woher sie kommen, oder die kaum als bessere Dialekte taugen, und Bombenlegen. Die französische Seite dieser Regionen gehört in der Regel zu den Armenhäusern des Landes und hat kein Interesse daran, sich in die Freiheit zu tanzen oder gar zu bomben. Sie setzt ihre Folklore in den Sommermonaten ein in der Hoffnung Touristen aus anderen Teilen Frankreichs ein bisschen mehr Geld aus der Tasche zu locken. Der französische Finanzausgleich besteht bekanntlich daran, alles Geld – ähnlich wie allen Frischfisch und alle Züge – nach oder zumindest über Paris zu schicken. Rückflüsse können die Regionen nur mit Geschäftstüchtigkeit oder List erwirken.

Auf dem Weg zum Zug geraten wir auf dem staubigen Dorfplatz, wo sonntags Markt gehalten wird, in eine Tanzveranstaltung. Sie soll den Stadtbewohnern Gelegenheit bieten, zusammen mit den Touristen ihre Katalanität zu feiern. Rätselhaft erscheint mir, warum dabei zum Donauwalzer aufgespielt wird. Der Schatz erklärt das damit, dass die Habsburger einst in Katalonien regiert hätten. Er kümmert sich nicht um meinen Einwand, dass das deutlich vor Johann Strauss' Zeiten war, und fordert mich statt dessen ohne weitere Umschweife wie beiläufig zum Tanz auf. Gerade so als wenn er damit nicht einen Bann bräche, der seit Jahren auf unseren Reisen lastet: In Jalta verpassten wir es am Ufer des Schwarzen Meeres zu den Klängen einer Kurkapelle zu tanzen. In Chile trauten wir es uns nicht zu, am Nationalfeiertag die Cueca-Schritte der Einheimischen nachzuahmen. Auf einer Milonga in Buenos Aires kamen wir uns nach nicht mehr als einer kläglichen Einführungsstunde in einer Berliner Schwulentanzschule zu amateurhaft vor, um uns unter die Tangoprofis zu mischen und selbst beim jährlichen Sommerfest von Paris Plage verpassten wir es, am Seineufer inmitten einer gut gelaunten Menge aus allen Altersklassen Rock' n Roll zu tanzen. Hier aber an der französischen Mittelmeerküste drehen wir uns schneller und geschickter als alle einheimischen Senioren. Danach erreichen wir knapp, aber beschwingt von unserem Mut den Zug nach Perpignan.

Die Bahnhofsstraße von Perpignan ist ein wahres Aushängeschild für die Stadt. Hier liefern sich Kebabverkäufer erbitterte Preiskriege und zahnlose Bettler strecken uns ihre tiefbraunen Arme entgegen, während sie etwas von einem Euro lallen. Eine Romamutter plaudert mit einer Gruppe finster dreinblickender Männer und schiebt dabei einen Kinderwagen hin und her, in dem eine ausschließlich mit verdreckter Windel bekleidete Vierjährige sitzt und an ihrem Schnuller nuckelt.

Bahnhofsviertel sind seltend anziehend sagen wir uns und machen uns schleunigst auf den Weg zum Tourismusbüro, das uns reichhaltig mit Informationsmaterial über die laufende Fotojournalismusausstellung ausstattet, die Fachleute aus aller Welt anlockt. Die bieten mit ihren Akkreditierungsschildern um den Hals und ihrer sorgfältig ausgesuchten Garderobe einen bemerkenswerten Kontrast zu der verarmten Bevölkerung der Stadt.

48 Stunden Neukölln ist nichts dagegen. Das ist die Veranstaltung, bei der sich pensionierte 68er-Lehrer aus Charlottenburg und Bundesbeamte mittleren Alters aus dem Prenzlauer Berg einmal im Jahr in den Kiez wagen, den Berliner aus mehr als 160 Nationen ihre Heimat nennen, wie der Bezirksbürgermeister nicht müde wird zu betonen. Die pensionierten und noch aktiven Beamten vergraben ihr Gesicht tief im Programmheft, um bizarre, moderne Kunstwerke in Kiezkneipen, an Straßenecken und in leer stehenden ehemaligen Postämtern aufzuspüren, die ortsansässige Künstler kreiert haben, ohne dass es ihnen dabei gelungen wäre, ihren Nachbarn einen Sinn dafür zu vermitteln. Sexy gekleidete Mädchen mit Schleier begegnen den Vogelstimmeninstallationen am Straßenrand mit einigem Unverständnis. Auch die Flashmob-artigen Performances von nur mit Lidltüten bekleideten Künstlern rufen eher Kopfschütteln bei den Ortsansässigen hervor. Die amüsieren sich lieber damit, Kunstliebhaber aus anderen Teilen der Stadt zu erschrecken, indem sie den Freigänger mimen:

„ Ey Alter isch muss jetzt auflegen. Isch muss um sechs wieder in Knast sein.“

Die Kontraste von Perpignan spotten dieser Idylle.

Gemeinsam mit vereinzelten Akkreditierungsschilderjournalisten verlieren wir uns im Quartier St. Jacques, dem einstigen Judenghetto, das sich heute die Roma mit Maghrebinern teilen. Wenn das, was sich hier abspielt, ein Schauspiel sein soll, um Fotojournalisten zu erschrecken, dann haben die Roma von Perpignan den Büchnerpreis verdient. Ihre Häuser sind Schmuckstücke aus dem 18. Jahrhundert mit gußeisernenen Balkonen. Sehr pittoresk für den außen stehenden Betrachter, doch die letzte Renovierung fand mit Sicherheit vor dem letzten Weltkrieg statt. Ein Mädchen im Grundschulalter läuft nur mit Unterhose bekleidet und mit Schnuller im Mund auf der Straße herum, während die Erwachsenen auf Stühlen und Bänken am Straßenrand sitzen und gleichgültig die Szenerie betrachten. Der Schnuller scheint ihr das unvermeidliche Accessoire aller unbekleideten Kinder unter zehn zu sein. Derweil machen Zehnjährige mit frisierten Mopeds auf Fußgänger Jagd. Ich überlege, ob sie die von dem konservativen Bürgermeister haben, dem vorgeworfen wird, die Stimmen der Roma mit Kühlschränken und Mopeds gekauft zu haben, während ich hilflos versuche, die Straßenkarte mit dem Straßenbild in Einklang zu bringen. Ein hoffnungsloses Unterfangen: Zwar haben alle Straßen gleich zwei Namen, einen französischen und einen katalanischen, aber von denen stimmt keiner mit denen auf der Karte überein. Als die Verwirrung perfekt ist, springt ein etwa fünfjähriger Junge, der frühzeitig seine Milchzähne verloren hat, hinter einem Auto hervor, hält uns eine Zigarette entgegen und verlangt nach Feuer. Hinter ihm stimmt ein tief dunkler Roma mit stattlichem Bauch ein dröhnendes Gelächter an. Der Schatz spricht von Kreisen, die sich immer enger um uns schließen und verlangt,das Viertel zu verlassen. Auf dem Weg kommen wir an einem sozialen Wohnungsbau vorbei, in dessen Hof sich knietief der Müll stapelt. Vor der Kirche steht ein Polizist, auf der Bank gegenüber rauchen Zehnjährige.

Dank der Vernachläsigung des Quartier St. Jacques reichte das Geld für eine üppige Begrünung und sorgfältige Renovierung des Klosters, wo die Hauptausstellung stattfindet. Vor dem Gebäude wartet eine Menschentraube auf Einlass: Junge Kunsthungrige ausgestattet mit den Sonnenbrillen der Saison, die ortsansässige Bourgeoisie – er in Anzug mit Krawatte, sie im Seidenkleid – und teils verlotterte, teils exzentrische Fotojournalisten. Ein weißhaariger Mitsechziger im grauen Dreiteiler und mit Strohhut ruft laute Klagen über die Launen der Journalisten in sein Mobiltelefon, die nicht zufrieden zu stellen seien. Wir sind uns einig, dass wir nach unseren Erlebnissen von St. Jacques nicht mehr die Nerven haben, um uns inmitten einer solchen Mengen an Fotos von obdachlosen Familien und Polizeieinsätzen in New Yorks heißesten Vierteln vorbei zu drängen.

Auf dem Weg zur Kathedrale geraten wir dann doch noch in eine Ausstellung, die zehn Jahre Afghanistan dokumentiert. Nicht, dass die Bilder nicht bekannt wären: Spielende Kinder in den Trümmern von Kabul, finstere Warlords in Militärfahrzeugen, die sie wer weiß wo herbekommen haben, und Burkafrauen auf dem Weg zu schwer zu identifizierenden Besorgungen in öden Tälern, wo vor vierzig Jahren Obst wuchs, mit dem Afghanistan ganz Zentralasien versorgte. Im Moment fällt es mir noch schwerer als sonst zu glauben, dass die Obstgärten der Paschtunen einmal wieder blühen, die Gebäude von Kabul wieder stehen und die Frauen außerhalb der Hauptstadt das Alphabet lernen werden. Ebenso habe ich Schwierigkeiten, mir für Perpignans Zukunft eine neue Blüte von Industrie und Handel vorzustellen, die französische und spanische Herrscher einmal wieder dazu brächte, sich um die Vorherrschaft in der Stadt zu schlagen.

Nachdem wir in einer Kirche zu absoluter Ruhe angehalten und in einem Museum mit Hinweis auf Renovierungsarbeiten abgewiesen worden sind, beschließen lassen wir uns erschöpft in einem Café nieder. Diesmal fahren die helmlosen Zehnjährigen mit ihren frisierten Mopeds vom Bürgermeister so schnell sie können gegen Fahrtrichtung in die Einbahnstraße. Hier haben die kleinen Mädchen sogar Hosen an. Eine besonders hübsche Neunjährige hat sich zum Spielen auf der Straße gar als Zigeunerprinzessin verkleidet. Oder will sie eher eine orientalische Bauchtänzerin sein, die einen Kalifen vor dem Schlafen gehen betören soll? Ihr Lidstrich ist so kunstvoll geschwungen wie er mir auch nach zwanzig Jahren Übung nie gelingen würde. Die dunklen Samthaare sind raffiniert mit aufwändig verzierten Spangen aus nachgeahmtem Silber hoch gesteckt. Üppiger Modeschmuck ziert ihren Ausschnitt, auch wenn darunter noch keine Wölbung zu erkennen ist. Ihr bauchfreier Zweiteiler besteht im Wesentlichen aus zarten schwarzen Fransen, mit denen ihre Freundin gerne spielt. Die beiden lungern auf den Pollern am Straßenrand herum, kichern zusammen mit einem kleinen Mädchen im Jeanskleid, das als einzige wie ein Kind aussieht, und spielen mit einer Wasserpunpe herum.

Aus der gegenüberliegenden Gasse kommt ein älteres, blasses Mädchen mit einem Katzenbaby auf dem Arm angelaufen. Ein Siebenjähriger mit gekonnt gegelten Haaren trägt ihr den dazugehörigen Transportkorb hinterher, was ihn nicht davon abhält, sich wie der König der Straßenkinder zu gebärden. Nachdem sich alle Kinder um die Katze versammelt haben, stürzen sich laut bellend die kalbsgroßen Hunde eines Penners auf die kleine Truppe, die sich nicht so recht zwischen Jauchzen und Angstschreien entscheiden kann. Der Penner hat offensichtliche Mühe, die Situation unter Kontrolle zu bekommen.

Derweil hat sich eine 1,90 Meter große Deutsche mit ihrem zerzausten Begleiter am Nachbartisch niedergelassen. Ihre Sonnenbrille hält überflüssigerweise den blonden Kurzhaarschnitt zurück, während sie mit einer breitrandigen, roten Designerbrille die Speisekarte studiert. Sie ist Fotojournalistin bei Stern oder Spiegel, befindet der Schatz. Der verlotterte Begleiter ist das eigentliche Frontschwein ist, das in den Kriegsgebieten dieser Erde durch schlammige Minenfelder robbt, in dem Versuch, den diesjährigen Fotojournalistenpreis zu gewinnen. Die Blonde sitzt derweil in einem warmen Redaktionshaus in Hamburg am Computer und sucht die Bilder aus.

Während der Schatz die zu unseren Tischnachbarn passende Lebensgeschichte erfindet, schreit das Mädchens im Jeanskleid nach seiner Mama, weil es seinen Puppenwagen unter der Wasserpumpe sauber machen will. Auf die Bühne tritt eine blutjunge, dünne Frau mit Ekzemen auf den blassen Wangen, der die Drogensucht buchstäblich ins Gesicht geschrieben ist. Vermutlich hat sie ihren Entzug schon länger hinter sich, meint der Schatz, sonst könnte sie sich nicht so aufmerksam um ihr Kind kümmern. Als die Kleine mit dem Puppenwagen zufrieden ist, macht sich ihre Mutter mit einem schwarzen Bekannten auf den Weg, der rund und gesund aussieht. Er tut ihr bestimmt gut.

Derweil versuchen alle Kinder des Viertels schreiend auf das Foto zu kommen, das ein Fotojournalist mit Schlapphut und Profiausrüstung, der offensichtlich nicht abschalten kann, von der Zigeunerprinzessin und ihrer Freundin machen will. So sehr mich der Look der Straßenkinder befremdet, so sehr gefällt es mir, dass sie auf der Straße herum rennen und spielen. Sie sind alle schlank und können wie selbstverständlich sowohl vorwärts als auch rückwärts laufen, was man unseren rundum mit Computer und Spielkonsolen ausgestatteten Mittelklassekindern gleichen Alters inzwischen gesondert beibringen muss. Neulich ging in Niedersachsen durch die Presse, dass an einem etwas heisseren Sommertag mehrere der übergewichtigen Kinder einer Grundschulklasse beim Schulausflug im Vogelpark Walsrode einen Schwächeanfall erlitten. Das würde diesen Rackern hier nicht passieren.

Die 1,90-Frau aus Hamburg beginnt eine aufgeregte Diskussion mit dem Kellner, der inzwischen ihr Gericht gebracht hat. Offenbar bekommt sie in Eppendorf nur Sushi und Fischfilet serviert: Es behagt ihr nicht, dass ihr Fisch einen Kopf besitzt. Der Kellner reagiert ebenso gelassen wie pragmatisch und köpft den Fisch kurzerhand mit ihrem Besteck, das er danach wieder ordentlich auf ihrer Serviette drapiert.

„ Soll ich den mitnehmen?“, fragt er und deutet nachlässig mit seinem Kopf auf den des Fischs.

Als sie ihm unmissverständlich klar gemacht hat, dass sie sehr darum bitte, nimmt er den Fischkopf mit der Hand von ihrem Teller und transportiert ihn ab. Die Journalistin stellt bei dieser glücklichen Wendung des Dramas unter Beweis, dass sie zwar ete-petete ist, aber nicht zu vornehm für die rustikalen Methoden des Kellners. Hauptsache der Fischkopf ist weg. Sie muss wohl zugereiste Hamburgerin sein.

Wir machen uns auf den langen Weg zum Bahnhof. Auf meine erneuten Versuche, Straßenbild und Straßenkarte in Einklang zu bringen, reagiert eine freundliche Perpignaiserin damit, dass sie von ihrem Fahrrad absteigt und uns begleitet. Als sie an der nächsten Straßenecke nach links abbiegt, lässt sich der Schatz zurückfallen, steckt seine Nase tief in die vollkommen nutzlose Straßenkarte und behauptet hartnäckig, die junge Frau führe uns auf einen Umweg. Sie versucht ihn mit dem Einwand zu überzeugen, dass sie seit 30 Jahren durch diese Stadt navigiere. Ich habe alle Hände voll damit zu tun, ihm klar zu machen, dass man so nicht auf die Liebenswürdigkeit Einheimischer reagiert. Schließlich trottet er uns geschlagen, wenn auch nur widerwillig hinterher. Magali erklärt uns, dass sie in Perpignan die Sonne, das Meer und die Berge haben, aber keine Arbeit. Zuletzt hat sie als Verkäuferin im Supermarkt gearbeitet, jetzt ist sie arbeitslos. Sie bedauert, dass wir nicht länger bleiben können, denn das Programm der Fotojournalismusausstellung sei eigentlich zu schön, um es sich einfach so entgehen zu lassen. Sie selbst ist auf dem Weg zu einer Abendveranstaltung. Die Zigeuner, erzählt sie, wohnen seit Jahrhunderten in der Stadt, aber ihre Geschichte ist sehr traurig. Sie hätten sich nie in das moderne Leben integriert und stürben in Scharen an AIDS oder an Krankheiten, die es in einer reichen Gesellschaft eigentlich nicht mehr geben dürfte. An der Bahnhofsstraße verabschiedet sie sich von uns, nicht ohne sich bei Monsieur zu erkundigen, ob sie sich nun seines Vertrauens sicher sein könne. Sie nimmt uns das Versprechen ab, zur nächsten Fotoausstellung oder im Frühjahr zu den katalanischen Folkloretagen wieder zu kommen.

Auf dem Bahnhof hat sich eine bunte Menge versammelt, darunter der Journalistenkenner im grauen Dreiteiler und mit Strohhut und ein orangegewandeter Pilger, der sich wohl auf dem Weg nach Pushkar, dem heiligen See in Rajasthan verlaufen hat. In der Bahnhofskneipe verweigern sie dem Schatz das Würstchen mit Pommes, das groß am Fenster angeschlagen ist. Er ist empört und behauptet, dass so etwas in Deutschland niemals passieren könnte.

„Ach ja, die Karte“ ruft der Kellner und rudert mit den Armen, wohl als Antwort auf unserem nach langem Warten mehrfach in Zeichensprache vorgetragenen Wunsch nach der Rechnung.

„ Nein“, erwidert der Schatz schnippisch, „ dazu ist es jetzt zu spät. Wir haben lange und häufig genug darum gebeten“. Dann geht er, ohne Trinkgeld zu hinterlassen. Ein bisschen deutsches Flair müssen wir hier auch verbreiten, selbst wenn uns klar ist, dass wir an unsere Landsleute nicht heran reichen.

Zu hause im Badeort spielt noch um Mitternacht eine katalanische Bigband schmissige Weisen und die Senioren sind nicht bereit, die Künstler gehen zu lassen. Eine Zugabe jagt die andere. Einige besonders feurige Folkloristen halten mit hoch gestreckten Armen einen oder mehrere Tanzpartner an der Hand und tippen erst mit der linken Fußspitze vor dem rechten Fuß auf, dann mit der rechten Fußspitze vor dem linken. Ich frage mich, warum die Spanier so ein Theater um ihren Regionalismus machen. Für meine Augen sieht das aus und klingt auch so wie Sevillanas. Das ist der Tanz, den sie im verarmten Andalusien tanzen, der Region, von der sich die spanischen Katalanen so dringend los sagen wollen.