Mittwoch, 6. August 2008

Dunkle Kiefernwälder - die Zivilgesellschaft von S.

In das Städtchen S. hatte uns einer dieser harmlosen Sonntagsausflüge geführt, die man morgens in der Berliner S-Bahn damit beginnt, seine mitgeführte Tagesration an Stullen kurz nach dem Einsteigen restlos zu verzehren. Es war der Endpunkt einer romantischen Fahrt durch blitzblank renovierte, wenn auch nahezu unbewohnte Dörfer durch dunkle Kiefernwälder und über weite, mit Klatschmohn gesäumte Felder. Nur selten hatte der märkische Sand dabei das Fortkommen erschwert, besitzen doch die Fahrradwege in dieser Gegend in der Regel der EU-Regionalförderung sei's gedankt Bundestraßenqualität.

Als wir eben vor der geplanten Besichtigung des als malerisch geltenden Städtchens unser wohlverdientes Mineralwasser austrinken wollten, entwickelten sich am anderen Ende des Marktplatzes Tumulte. Ein vermutlich mit verschiedenen Drogen aufgeputschter Mann mit äußerst kurzen blonden Haaren brüllte einen Dunkelhaarigen an und schlug dabei abwechselnd ihn und sein Auto. Einer Frau mittleren Alters, die zu schlichten versuchte, schenkte er keinerlei Beachtung. Oder doch, denn wie sie später berichtete, blieb auch sie von seinen Schlägen nicht verschont. Aus schwer nachvollziehbaren Gründen versuchte der Dunkelhaarige sich mit seiner mangelnden Zahlungsfähigkeit zu verteidigen und wies dabei auf seine Arbeitslosigkeit hin.

Die Bürger von S. schalteten schnell ihre Fernseher aus und versammelten sich am Straßenrand und an ihren offenen Fenstern, um zu staunen, wenn sie sich nicht im angrenzenden Biergarten in der priviligierten Situation befanden, gleichzeitig das Geschehen und die Europameisterschaftspartie Italien gegen Spanien verfolgen zu können. Unsere Versuche, in Erfahrung zu bringen, ob jemand die Polizei gerufen hatte, führten nicht weit. Die meisten reagierten auf Nachfragen gar nicht. Ein älterer Herr forderte mich auf, zwei Männer, die sich vermöbelten doch in Ruhe zu lassen, solange sie keiner Frau etwas täten. Ich fragte mich, ob die Brandenburger sich mit der Annahme einer südländisch-patriarchalischen Geisteshaltung auf die Olivenhaine und die sonnige Ostseeküste vorbereiten wollten, die der Klimawandel womöglich bald in diese Gefilde bringen wird, und betrachtete dabei sorgenvoll das Blut, das inzwischen beiden Kämpfern aus dem Mund floß.

Während ich mich noch in solchen Überlegungen erging, hatte der Schatz schon längst die Polizei von S. angerufen und marschierte entschlossen auf die Gaffer im besten Mannesalter zu, um sie wie aus einer polizeilichen Anleitung zur Gewaltdeeskalation gezielt anzusprechen und zur Hilfe aufzufordern. Nun pfeiffen die Bürger von S. aber auf solche Anleitungen. Sie ziehen das passive Staunen vor. Lediglich der wuchtige Wachmann vor der Sparkasse ließ sich schließlich beim dritten Anlauf davon überzeugen, behilflich zu sein. Es gelang ihm sogar, den Angreifer mit einer imposanten Gorilla-Pose vorübergehend dazu zu bringen, von seinem Opfer abzulassen. Aber schon bald brüllte er wieder wie ein Tier, schlug und trat auf den Dunkelhaarigen ein und bezichtigte die angesichts der Aussichtslosigkeit ihrer eigenen Deeskalationsversuche inzwischen verzagte Frau, die sich als seine Schwiegermutter in spe entpuppte, des Verrats der Familienehre. Ich verwarf die Olivenhaine. Statt dessen tauchten rauhe, kurdische Bergdörfer und finstere Dorfälteste mit zerfurchten Gesichtern vor meinem geistigen Auge auf, während ich immer verzweifelter von einem durchtrainierten Gaffer zum nächsten lief, um sie zunehmend schrill und doch unverändert ergebnislos darum zu bitten, dem langen schlaksigen Brillenträger ohne Muskeltraining und Kampferfahrung dabei zu helfen, ihren Nachbarn ruhigzustellen. Es half auch nichts, dass ich an den Zaunstäben des Biergartens rüttelte - wer gibt schon einen Platz auf, auf dem er auch ohne Fouls gleichzeitig Fußball und Gewalt sehen kann.

Schließlich stürzte ich mich in Panik um meinen Schatz in das Kampfgetümmel - der Kampfhund des Angreifers hatte sich inzwischen eindeutig als altersschwach und zahnlos erwiesen. Das veranlaßte den Angreifer, sich vorübergehend zu beruhigen, meine Hand zu ergreifen und mir seine Gewaltlosigkeit gegenüber Frauen zu beteuern. Ich entschied mich endgültig für Kurdistan. Während ich innnerlich nach taktvollen Wegen suchten, der Schwiegermutter auf der Suche nach einem friedlicheren und moderneren Schwiegersohn Online-Partnersucheforen für ihre Tochter nahezulegen, geriet ich äußerlich in wachsende Panik. Der Schatz hatte offenbar keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als den inzwischen wieder tobenden Angreifer zu Fall zu bringen. Immerhin verfehlten meine gellenden Schreie, man möge doch die Sehhilfe meines Freundes und die damit verbundenen Gefahren in dem Handgemenge nicht völlig vernachlässigen, ihre Wirkung nicht ganz. Als der Angreifer mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug, machte er nicht etwa von dem Messer Gebrauch, das ihm aus der Tasche gefallen war, sondern forderte den Schatz auf, es gut sein zu lassen, denn seine Freundin habe Angst. Der blieb trotzdem auf dem Mann knien, bis endlich die Polizei kam. Noch heute schwillt meine Brust vor Stolz, wenn ich an diesen Heldenmut denke!

Die Ankunft der Polizei nutzte ich, um die Bürger von S. wüst zu beschimpfen, sie aufzufordern, sich zu schämen, und die Frage aufzuwerfen, ob sie auch gaffen, wenn eine Frau auf ihrem Marktplatz vergewaltigt wird. Wahrscheinlich stellen sie sich eher hinten an. Der Schatz konnte mich gerade noch davon abhalten, das Geschehene zum Anlaß zu nehmen, lautstark über die politische Haltung der ostdeutschen Landbevölkerung nachzusinnen. Das wäre auch nicht fair gewesen, denn immerhin waren die Schwiegermutter und der Wachmann mutig gewesen, letzterer womöglich allerdings eher von Berufs wegen. Das ist eine dünne Ausbeute, aber es ist nicht nichts.

Am Bahnhof von S. mussten wir schließlich feststellen, dass die helle Haut und die lokale Abstammung der örtlichen Jugend offenbar nicht dabei hilft, besser deutsch zu sprechen als einige Neuköllner, um deren Fähigkeiten und Chancen ich mich gelegentlich in der Berliner U-Bahn sorge. Wir fuhren sehr betrübt nachhause und fragten uns, wie man mit solchen Menschen eine würdige Zivilgesellschaft aufbauen soll. Wahrscheinlich von Grund auf umerziehen, aber wie fängt man das an?

Inzwischen hat Hans zu Bedenken gegeben, dass weder die Zeiten noch die Menschen schlimmer geworden sind. Im Gegenteil, die Bewohner seines westdeutschen Dorfes brauchten in den Siebzigern nicht einmal Alkohol, um brutale Gewalttaten zu begehen. Auch ich muss mich, wenn ich ehrlich bin, an wüste Schlägereien zwischen Nazis und ihren Gegnern auf den Jugend- und Schützenfesten meines westdeutschen Heimatortes erinnern. Doch das mag zwar die Situation in Ostdeutschland und die heutige Zeit in Perspektive zu setzen, ein rechter Trost ist es nicht. Ich versuche mich lieber damit zu trösten, das die Berliner geholfen hätten - jeder einzelne, ganz bestimmt.

Williamsburg und Heimweh

Email aus New York, Januar 2001


Heute schreibe ich Euch als stolze Besitzerin einer neuen Wohnung, eines neuen Mitbewohners und eines neuen Haarschnitts. Wie Ihr Euch denken könnt, ist in der letzte Woche mal wieder eine Menge passiert...

Mein Freund Frank, der Friseur aus Hell's Kitchen, mußte für seine Ausbildung ein Modell frisieren. Dafür hatte er mich auserkoren. Da Frank, Arnold und ihre Freunde mich in der Tenth Avenue Lounge immer wie eine Prinzessin behandeln, mir jeden Drink spendieren, mich zu dritt nach Hause begleiten, und Frank dabei ununterbrochen durch meine Haare fährt und exaltiert ruft "you're beaueaueaueautiful", kann ich dem Mann keine Bitte abschlagen. Bin schließlich auch nur eine Frau. So trug es sich also zu, daß ich vergangene Woche im Uptown Vidal Sassoon Salon in der Fifth Avenue über einen mit schwarzer Plane auf den Boden geklebten Laufsteg stolzierte, und posierte, als hieße ich Claudia Schiffer und hätte noch nie in meinem Leben etwas anderes getan. Dabei fällt mir übrigens ein, daß wir heute noch über Curzio lachen muß, der Frank einmal fragte, ob man bei Vidal Sassoon auch etwas essen kann, weil der sich kurz zuvor beklagt hatte, daß er den ganzen Tag bedienen muß (was ich natürlich nicht dazu sage ist, daß Tim mir mal kurz hintereinander erst von Küchenschwämmchen und dann von der Hilfinger-Etage im Macy's erzählte, woraufhin ich - leider laut - schloß, daß Hilfinger Küchengeräte herstellt).

Aber der Teufel liegt im Detail, und mit unseren Verhandlungen, wie genau der neue Haarschnitt auszusehen habe, unterhielten wir den ganzen Salon. Ich muß dazu sagen, daß ich mich nach sieben friseurlosen Monaten inzwischen langer, wallender Locken erfreue, die ich auf keinen Fall hergeben wollte. Wir konnten uns schließlich darauf einigen, daß Frank zumindest mein Gesicht freilegen durfte. Aber die anderen Friseure machten sich während der gesamten Prozedur einen Spaß daraus, sich neben uns zu stellen, die Hände überm Kopf zusammenzuschlagen und zu rufen "oh Gott, Du hast ihr eine Glatze geschnitten!".

Noch zäher waren meine Verhandlungen mit Roberto, dem Koloristen aus Chile, der mich blond färben wollte. Aber Bernd und Nina haben mir blond verboten, und außerdem will ich nicht alle zwei Wochen Haaransätze nachfärben müssen. In unseren Streit mußte sich schließlich der Chefkolorist einschalten, der sich zum Glück auf meine Seite schlug und befand, daß es eine rote auswaschbare Biofarbe auch täte. Trotzdem versuchte mich Roberto damit zu schockieren, daß er zum Abschied "I see you on Wednesday for blond highlights" rief. Daß er dann meine Stirn gleich ein bißchen mitfärbte, entschuldigte er damit, ich hätte ihn so gehetzt.

Nach der Friseursoirée lud ich Frank noch zu einem Drink ein, denn ich bin mehr als zufrieden mit den Ergebnis. Dann holte ich meine Taschen bei Yvonne ab, und fuhr nach Williamsburg, wo ich eine Stunde später auch Lucas in Empfang nehmen konnte, der gerade vom Kellnern zurückkam. Wir tranken einen Begrüßungsmuckefuck zusammen, er zeigte mir alle Fotos von seinen Freunden aus Buenos Aires und lud mich nach Argentinien ein. Ich fand es weniger beruhigend, daß er uns als zwei Marineros ohne Capitan bezeichnete - anscheinend weiß er ohne Luli noch nicht einmal, wo er in Williamsburg waschen gehen muß. Aber nachdem ich Vladimir und die Maus abgewickelt habe, zähle ich den Umgang mit gutaussehenden, aber hilflosen südländischen Mitbewohnern zu meinen angenehmeren Aufgaben.

Lucas ist sehr herzlich und rücksichtsvoll, und außerdem hat er einen gesegneten Schlaf. Das ist sehr wichtig, denn er lebt nachts während ich tagsüber lebe. Wenn wir uns nicht zufällig nachts um zwei zum Muckefuck trinken treffen, dann sehe ich ihn nur morgens, wenn er auf dem Sofa knackt, während ich mein Müsli esse. Trotzdem ist die Wohnung in Williamsburg ein Fortschritt gegenüber Hell's Kitchen, denn wir haben ein separates Bad und eine Tür zwischen seinem und meinem Zimmer. Das Bad ist gleichzeitig unsere Telefonzelle. Wenn Lucas von der Arbeit nachhause kommt und ich schon schlafe, nimmt er seine Schokolade und seine Zigaretten und setzt sich eine Stunde lang auf den Toilettendeckel, um mit seinem Bruder in Buenos Aires zu telefonieren.

Damit ich mich auch zuhause fühlen kann, will er mir ein bißchen Platz auf der Kühlschranktür machen, wo alle "fotos de carino" hängen. Dies bringt mich ein bißchen in Zugzwang, denn die Argentinier haben augenscheinlich ein vollkommen anderes Verhältnis zu ihrem Körper. Luli posiert auf jedem Foto mit einer anderen Haarfarbe, im Bustier mit ihren Freundinnen oder tauscht wildgeschminkt, mit hochtopierten Haaren getürkte Zungenküsse mit einer anderen glutäugigen Schönheit. Auf dem Toaster klebt ein Oben-Ohne-Foto ihrer Schwester - neckischerweise sind die Brustwarzen mit bunten Sternen abgeklebt. Carina hat mir Fotos von den Hamburgern mitgegeben aber dummerweise seid Ihr darauf alle angezogen, und ich habe Angst, daß die Argentinier dann glauben, ich hätte Euch nicht lieb. Könnt Ihr mir nicht alle noch einmal ein Nacktfoto schicken?

Aber Foto hin oder her, ich habe gerade mörderisches Heimweh! Ich will morgen gar nicht zur chinesischen Neujahrsparade, ich will zu Carina zum Frühstücken gehen, und mich nicht von meinem Stuhl erheben, bis Bernd abends um zehn zum Koreaner geht, um einen Imbiß zu holen, und danach eine von seinen guten Weinflaschen aufmacht. Ich will mit Nina am Sonntag im Alten Land Fahrrad fahren, und ich möchte emails von Ina bekommen, in denen steht, daß sie mit uns Kreischziegen mal wieder einen saufen gehen möchte. Ich will, daß Susanne auf dem Kiez eine Flasche Sekt ausgibt und dann die Zeche prellt, und ich möchte neben Stefan in der Abendmensa sitzen, wenn er seinen Kaffee trinkt, ohne auch nur Anstalten zu machen, die Hand zur Tasse zu führen. Ich möchte, daß Uta eine Stunde zu früh mit ihrem halben Hausstand zu meiner Party kommt, und schon mal die Bierflaschen in die Dusche stellt, weil ich es alleine mal wieder nicht hinbekomme, und Maik soll fünf Tage lang unentschuldigt von der Arbeit fehlen, weil die Herzensangelegenheiten, die er in Spanien zu regeln hatte, zu dringlich waren, um nun auch noch den Chef über den Grund seiner Abwesenheit zu unterrichten. Birgit soll mit ihrem Peugeot-Lieferwagen und eigenem Bettzeug in Eimsbüttel für eine Nacht aufkreuzen, bevor sie zu Oma nach Husum fährt, und ich will rote Soße bei Peter essen und mit Mark nach der Arbeit einen schnappen gehen. Meine Eltern sollen mich auf eine Finkenwerder Kutterscholle mit Speck nach Teufelsbrück einladen, nachdem wir uns so lange gestritten haben, ob wir lieber in der Lüneburger Heide oder an der Alster spazieren gehen wollen, bis es Zeit ist, wieder nach Springe zu fahren. Nicola soll mir im Solo haarsträubende Geschichten von ihrer Kollegin Schlatter erzählen und sonnabends will ich mit Kiki und Oliver in der Schanze frühstücken gehen, aber die Torfköpfe sind ja nach Frankfurt gezogen... Danach will ich mit Nick im Karoviertel Kuchen mit Astra essen.

In meinem Schmerz ging ich gestern noch in meiner neuen Puschenkneipe auf ein Bierchen, und da New York bekanntlich klein ist, traf ich dort per Zufall Yvonne und deren Freundin Sabine, eine Grafikdesignerin aus Winterhude, die auf unbestimmte Zeit in New York arbeitet. Sie hat die letzten beiden Tage nur geheult, weil sie so ein Heimweh hat. Erst fühlte ich mich verstanden, aber dann fragte ich mich, wie man als Osthamburgerin Heimweh bekommen kann. Nina?

Wahrscheinlich weil man es nicht besser kennt ...


Mittwoch, 30. Juli 2008

Die ersten Wochen in Paris

Email aus Springe, Dezember 2002


Eigentlich steckt der Brasilienreisebericht an allererster Stelle in der Pipeline und harrt verdrängt durch Wohnungssuchhektik und Eingewöhnung in Paris seit Wochen vergeblich seiner Bearbeitung. Das soll nicht ewig währen. Da dieser Bericht jedoch aufgrund zahlreicher, haarsträubender Abenteuer ein größeres Unterfangen darstellt, will ich mich an dieser Stelle auf das wichtigste Ereignis der Reise beschränken, und danach dem neuesten Stand der Dinge in Paris den Vorrang geben.

Zwar sah es bei unserem Piranha-Fangwettbewerb im Amazonas einen quälend langen und zudem brütend heißen Tag lang so aus, als würde Susi mit einer beeindruckenden Bilanz von 13 zu einem Piranha als strahlende Siegerin daraus hervorgehen, doch konnte ich bei Sonnenuntergang das Ruder mit einem Überraschungscoup in letzter Sekunde noch einmal herumreißen. Ich fing mit einem von Susis mickrigen Piranhas eine riesige Meerkatze, und entlarvte dadurch ihren mit immer deutlicher artikuliertem Triumph aus dem Amazonas gezogene Beute als schlichtes Vorleistungsgut. Ich will nicht näher darauf eingehen, daß Sami, unser Indio-Führer, meinen Fang durch das Erhaschen eines Babyalligators mit bloßen Händen noch am selben Abend etwas relativieren sollte. Das eine oder andere Urlaubserlebnis stellt sich sehr unterschiedlich dar, je nachdem ob Susi es schildert oder ich.

Abgesehen jedoch von kleinen Rivalitäten, waren wir beim Erklimmen des Zuckerhutes wie beim Sambatanzen in den Straßen von Bahia, beim Sonnenbaden an den Traumstränden der Insel Itaparica wie beim Bewundern von Schmetterlingen an den Wasserfällen von Foz do Iguazu, ein Herz und eine Seele. Und das obwohl
es mir in alter portugiesischer Tradition gelungen ist, Susi erneut hinterlistig in die Stockfischfalle zu locken, und ich zudem heimlich schicke Schläppchen im Gepäck hatte, während Susi sich darauf verließ, dass
meine Parole gelte, wir wollten uns auf die bequemen aber unschön anzusehenden Touristensandalen beschränken.

Einmal nach Deutschland zurückgekehrt, musste ich mich umgehend in den schwierigen Pariser Wohnungsmarkt stürzen. Gestählt von meinen Abenteuern mit portugiesischen Herzensbrechern im Großstadtdschungel von Rio de Janeiro und Vogelspinnen im Regenwald gelang mir dies mit derart großer Unerschrockenheit, dass sich auch gestandene Franzosen schwer beeindruckt von meiner zupackenden Art und meinem Durchsetzungsvermögen zeigten. Nun gut, die konnten natürlich auch nicht wissen, dass mich die ukrainischen Onkel durchtriebener georgischer Medizinstudentinnen, die Mäuse und die brutalen Hausmeister von Hell’s Kitchen, wie auch die Wasserkäfer von Williamsburg für alle Zeiten abgehärtet haben. Wer über den Pariser Wohnungsmarkt klagt,
dessen Preise kaum ein Drittel von denen in Manhattan erreichen, und wo niemand auf die Idee käme, eine Einzimmerwohnung mit der Hilfe von Vorhängen in eine gemütliche Vierer-WG zu verwandeln, für den habe ich nur ein müdes Lächeln übrig.

Jedenfalls habe ich mit meiner erfolgreichen Wohnungssuche in nur zwei Wochen sämtliche Kusinen meiner französischen Bekannten ausgestochen, die drei Monate suchen mussten. Außerdem bin ich nach dem
Notieren von etwa 300 Telefon- und Hausnummern wieder richtig stark im Kopfrechnen. Für alte Lateiner, die Franzosen sagen aus nicht nachvollziehbaren Gründen vier mal zwanzig plus siebzehn, wenn sie 97
meinen.

Als eher nachteilig erwies sich, dass das französische Mietrecht - kaum zu glauben aber wahr - noch mieterfreundlicher ist als das deutsche. Genauer ist es ein Paradefall für ein Regelwerk, das im Bemühen um Schutz für den vermeintlich Schwächeren genau das Gegenteil erreicht. Ein wahrer Leckerbissen für die ehemaligen Kollegen vom Recht und Ökonomik Kolleg in Hamburg. Um einen zahlungsunwilligen oder -fähigen Mieter aus der Wohnung zu entfernen braucht man in Frankreich im Schnitt sage und schreibe zweieinhalb Jahre.
Dies führt dazu, dass ein nicht unerheblicher Teil der Pariser Wohnungen unvermietet leer stehen. Der wagemutigere Teil der Pariser Wohnungseigentümer verlangt von seiner Vermietern, auch solchen, die stolzere Summen steuerfreien Lohneinkommens nachweisen können, absurd anmutende Sicherheiten, wie etwa eine Bankbürgschaft über eine Jahresmiete oder einen Elternteil als Bürgen, der seine Zahlungsfähigkeit wahlweise mit
Gehaltsabrechnungen oder mit Einkommenssteuererklärungen zu dokumentieren hat.

Dieses Ansinnen führte zu äußerst unschönen Szenen mit meinem Vater, dem sein Steuergeheimnis so heilig ist wie den Mitgliedern der National Rifle Association das amerikanische Grundrecht auf den Besitz und Gebrauch von Schusswaffen. Seinen vorläufigen Höhepunkt fand diese Affäre in einem heimlichen Anruf meiner Mutter, die mir beteuerte, von ihr könnte ich die Einkommenssteuererklärung haben, wenn nur der Vater nichts davon erführe. Der finale Höhepunkt bestand in einer kaum verhohlenen Kriegsandrohung an
Frankreich, die ich an dieser Stelle nicht im Wortlaut wiedergeben möchte. Im Ergebnis konnte ich mir jedoch die Bürgschaft mitsamt Einkommenssteuerklärung und damit auch eine vor langer Zeit etwas gewagt gestrichene Wohnung im Pariser Szene-Viertel Bastille ertrotzen. Besonders in dem türkischen Haushaltsgeräte-Basar um die Ecke erfreue ich mich als entfernte Kusine größter Beliebtheit und werde bei jedem Besuch zu einem Kaffee genötigt, damit mir der Händler und seine Freunde in aller Ruhe erzählen können, wo überall in Deutschland ihre Verwandten zu Hause sind.

Die ebenso finsteren wie einmütigen Kassandrarufe von franzosenhassenden Amerikanern und Italienern in New York und von in Paris lebenden Ausländern, dass Franzosen arrogante, unhöfliche und verschlossene Leute seien, mit denen man unmöglich Freundschaft schließen könne, sollten sich als ebenso haltlos erweisen wie im Ausland weitverbreitete Vorurteile gegenüber Deutschen. Gewiss geben einem Franzosen, mit denen man sich beiläufig an der Bushaltestelle oder in einer Bar unterhält, nicht gleich ihre Telefonnummer. Noch gewichtiger ist, man lernt sie schlicht nicht so schnell kennen, wie die wesentlich leutseligeren Angelsachsen. Aber das sind wir schließlich von zu Hause gewöhnt. Und das Schöne an ihnen ist, dass sich ihre Kommunikationscodes so ähnlich lesen wie unsere. Will sagen, wenn sie einem doch ihre Telefonnummer geben, dann möchten sie tatsächlich, dass man sich wiedertrifft.

Außerdem sind sie ein anderes, jedoch freundlicheres Vorurteil bestätigend unheimlich culturel. Mit Elise war ich in einer Ausstellung über tschechische Technologiekunst, nachdem wir uns den neuesten Kaurismäki-Film angesehen hatten. Sonntag waren wir mit ihren Freundinnen in einer Ausstellung von einem verrückt gewordenem amerikanischen Künstler, der Skulpturen aus gefrorener Vaseline bastelt, Kartoffeln auf dem Fußboden
verteilt und ein weißgetünchtes Monster mit blutiger Schnauze dabei filmt, wie es eine Prinzessin mit entblößtem Po jagt, deren Unterschenkel aus Glas sind. Das Schöne an solcherart moderner Kunst ist, dass es stets starke
Reaktionen bei Teilen des Publikums hervorruft. Man kann sich darauf verlassen, auf einen empörten Ehemann zu stoßen, der seine Frau wütend anpfeift, dass ihm dies alles rein gar nichts sagen würde und er nicht
wisse, warum er hier seine kostbare Zeit verschwenden solle, während sie ihn anfleht, die Stimme zu senken, weil das alles doch nun wirklich nur eine Frage der Ästhetik sei.

Danach lernten wir im Museumscafé zwei russische Maler kennen, die sich als sehr tolerant erweisen sollten. Meine wahrheitsgemäße Antwort auf ihre Frage nach meinem Beruf - dies nachdem sich alle anderen Frauen als
Buchbinderinnen, Grafikerinnen und Genetikerinnen vorgestellt hatten - taten sie mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. Das sei nicht weiter schlimm, das käme in den vornehmsten Familien vor.

Französischen Männern darf man nur grundsätzlich dann trauen, wenn sie in Kultur machen wollen. Also ging ich statt dessen lieber mit Régis in die Max-Beckmann-Ausstellung im Centre Pompidou. Statt Alkoholkonsums schlug er mir danach "Paris by Night" vor. Dieser außergewöhnliche Programmpunkt bestand daraus, dass er mich mit seinem Auto zu den schönsten Plätzen von Paris kutschierte und mir erklärte, dass auf dem Dach der Pariser Oper Bienenstöcke zu Hause sind. Außerdem besuchten wir das Pariser Ritz und eine weiteres Edelhotel, dessen Name mir entfallen ist. Schicke Hotels zu besuchen ist Régis‘ Leidenschaft. Wenn man so gute Nerven hat wie er und herannahenden Kellnern im Livrée lässig bedeutet, man habe sich noch nicht entschieden, während man auf Polstermöbeln aus der Zeit von Ludwig dem Vierzehnten thront und dabei Einbände aus der hoteleigenen Bibliothek durchblättert, dann ist das tatsächlich auch ein großer Spaß.

Im allgemeinen scheint mir das Bemühen um Bekanntschaft mit dem anderen Geschlecht ein nationaler Sport zu sein. Um dies zu erreichen, scheuen die Franzosen keine Mühen und kein Ort ist ihnen heilig. Mein bislang
spektakulärstes Erlebnis auf diesem Gebiet war der hühnenhafte Südfranzose, der mir im Louvre ins Ohr hauchte: „ C‘est magnifique, Botticelli!“. So geschickt er beim ersten Schritt war, so ungelenk zeigte er sich jedoch bei
der weiteren Verfolgung seines Annäherungsversuches. Anstatt eine gekonnte Mischung aus Abstand und Beharrlichkeit zu zeigen, stellte er sich penetrant bei jedem Bild direkt hinter mich, und offenbarte mir intime Details ausseinem Leben. Und so sah ich mich trotz seines angenehmen Äußeren gezwungen, durch geschicktes und unerwartetes Hakenschlagen in den Saal mit der sienesischen Schule, unserer Beziehung bereits nach fünf Minuten ein jähes Ende zu setzen. Jetzt warte ich als nächstes darauf, beim Gottesdienst angegraben werde, während ich gerade das Vaterunser bete.

Mein holländischer Chef hat trotz Vorweihnachtsstress und seines aufwendigen, mehrtätigen Treffens mit Vertretern der statistischen Ämter der Mitgliedsländer einen aufwendigen Plan ausgearbeitet, wie ich mich in den
kommenden Monaten auf Längsschnittfirmendaten stürzen soll, um Firmengründungen, Firmenwachstum und Firmensterben näher zu ergründen. Irgendwann habe ich den Fehler gemacht, dieses Forschungsgebiet als
„business dynamics“ zu bezeichnen, und jetzt bekomme ich regelmäßig Anrufe aus Springe, was es denn nun noch einmal mit dieser dynamischen Geschäftigkeit auf sich habe, mit der ich mich da beschäftigte. Die Nachbarn wollten wissen, was ich da denn nun genau mache in Paris.

Jedenfalls kann ich mir sicher sein, dass ich von meinem Chef fortan mit Samthandschuhen angefasst werde, nachdem sein Landsmann Mortein Schluppen bei einem unserer zahlreichen Weihnachtsessen nach
umfangreichen Konsum französischen Rotweins mit sonorer Stimme verkündete, dass sein Deutschenhass genetisch bedingt sei. Dieser Ausfall war meinem Chef so peinlich, dass er danach in mein Büro kam, um sich wortreich bei mir zu entschuldigen, und das obwohl er ansonsten ein wortkarger friesischer Bär ist, der höchstens mal den Kopf zur Tür hereinsteckt, um zu fragen „so far, so good?“. Aber ich fand, ich hätte mich selbst ganz gut verteidigt, indem ich den Holländer fragte, wie es den Holländern denn eigentlich bei der letzten Weltmeisterschaft ergangen sei, ich könnte mich gar nicht mehr an ihr Abschneiden erinnern.

Dem Engländer, der den 1. September 2001 als den schönsten Tag in seinem Leben bezeichnete, bestätigte ich, dass es gut tun müsse, alle dreißig Jahre mal ein Spiel gegen die Deutschen zu gewinnen. Nur schade, dass dies bei wichtigen Spielen meist auf Fehlentscheidungen der Schiedsrichter beruhe, und echte Triumphe sich nur bei unbedeutenden Qualifikationsspielen einstellen wollen, während man hinterher dann anders als die Deutschen das Endspiel nicht erreicht. Das Fliegen von Fäusten konnte ich dann doch noch einmal verhindern, indem ich davon Abstand nahm, an verschiedene Elfmeterduelle zu erinnern, und statt dessen auf den Sonntagsmarkt am Place de la Bastille zu sprechen kam. Beim Sinnieren über die ideale Zubereitung einer Rascasse konnten Corey und ich dann wieder zueinander finden. Fußballrivalitäten sind im Prinzip sehr gesund, aber man darf es nicht zu weit treiben.