Email aus New York, November 2000
Meine Mutter und ich waren uns am Telefon gerade einig geworden, daß mein Vater ein Phänomen ist. Er hat immer Glück, alle vertrauen ihm und er ist unglaublich beliebt. Während wir anderen alle arbeiten müssen wie die Eichhörnchen in der Trommel, um überhaupt ein paar Bekannte oder gar Freunde zu haben, muss er keinen Finger krumm machen, es rennen ihm sowieso alle die Bude ein, um ihre Freizeit mit ihm verbringen zu dürfen. Ein bisschen frustriert waren wir, als wir aufgelegt haben, aber nicht sehr. Ganz unter uns können wir ihn ziemlich gut leiden und gönnen ihm daher sein Glück.
Nur wenige Stunden später sollte sich herausstellen, dass er mir offenbar doch nicht nur die Neurodermitis, sondern auch eine ordentliche Portion von seinem Glück vererbt hat...
Weil ich den ganzen Sonnabend fleißig war, befand ich, daß ich einen Abend in der Oper mehr als verdient hatte. Gedacht getan, ich machte mich auf zur Met, prallte entsetzt zurück, als mir jemand vor der Oper eine Karte für 115$ anbieten wollte und erstand statt dessen einen Stehplatz fuer 16$ an der Abendkasse. Zugegebenermaßen geschah dies ein wenig in Verkennung der Tatsache, dass Richard Strauß nicht Johann Strauß ist, und daß "Der Rosenkavalier" nicht anderthalb Stunden leichte Operettenmusik im Dreivierteltakt beinhaltet, sondern viereinhalb Stunden Musik - na, sagen wir mal - für Kenner.
Tatsächlich wurde meine Standfestigkeit aber erst gar nicht getestet. Schon nach fünf Minuten kam ein Mann um Mitte vierzig in einem alten Ski-Anorak auf mich zu. Er trug die ältesten Turnschuhe, die ich seit langem gesehen habe, und einen Moment lang überlegte ich mir, ob ich ihm einen Dollar in die Hand drücken sollte. Er fragte mich, ob ich alleine sei. Schon reichlich an die entwaffnende Direktheit der Amerikaner gewöhnt, antwortete ich ebenso knapp wie wahrheitsgemäß mit "ja". Er:" Why don't you come sit with us?". Erst als ich ihm bereits vollkommen überrumpelt zu den Orchestersitzen folgte, wurde mir klar, dass ich wahrscheinlich für die 180$-Karte, die er mir in die Hand gedrückt hatte, den höchsten immateriellen - oder sagen wir nicht-monetären- Preis würde zahlen müssen, den ich je für eine Opernkarte gezahlt habe.
Aber nein: In der neunten Sitzreihe wartete bereits eine charmante junge Dame aus Französich-Guyana auf uns. Mein neuer Freund, der Obdachlose, erklärte mir, daß er ein Oper-Abo besitze. "I keep one seat for a date..." - so hat er sich ausgedrückt, anscheinend bringt er jedesmal eine andere Freundin mit "and one for my office manager." Das erscheint mir persönlich eine sehr eigenwillige Kombination, aber einem geschenkten Barsch guckt man nicht in die Kiemen. Ich habe tüchtig davon profitiert, daß die Büromanagerin an jenem Abend den Weg von New Jersey nach New York nicht gefunden hat.
Zugegeben, den ersten Akt fand ich sterbenslangweilig und zudem entsetzlich inszeniert, mit viel zu viel Pink und Rüsche. Insgeheim wünschte ich mir, daß Richard doch Johann sei,
oder der Rosenkavalier statt dessen eine lustige Witwe. In der Pause Nr. 1 habe ich mich aber dennoch sehr amüsiert, aus dem Programm zu erfahren, dass Richard Strauß damals seine Zeitgenossen mit seinen Anspielungen schockiert hat, " ...that beds are occasionally used for purposes other than sleeping". Und irgendwie bin ich dann doch noch auf den Geschmack gekommen. Als die Marschallin schließlich nach viereinhalb Stunden in einem herzzerreissendem Terzett den Weg frei gab, damit ihr Geliebter, der Rosenkavalier, die wesentlich jüngere und liebreizendere Sophie ehelichen konnte, war ich den Tränen nahe.
Mindestens ebenso interessant fand ich es, diese Oper inmitten der New Yorker Haute Volée zu verfolgen. Die älteren Herren, deren Ehefrauen auf ein Opernabo bestehen, knacken die ganze Zeit, wie überall auf der Welt. Was mich tief beeindruckt hat, sind die höheren Töchter, die nicht nur wahnsinnig reiche Erbinnen, sondern nicht selten auch noch atemberaubend schön sind. Wie machen die das? Lauter Prinzessinen mit wallenden goldenen Haaren schwebten in der Pause von den Orchestersitzen ins Foyer.
Der Sitz vor mit gehörte laut einer Silbergravur übrigens der Fishbach Organisation Inc.. Nur zu gerne hätte ich mir die Rückseite meines eigenen Sitzes angesehen, um zu erfahren, welcher Organisation mein Freund mit der unzuverlässigen Büromanagerin angehörte. Ich habe dann aber doch davon abgesehen, meinen Oberkörper über die Stuhllehne zu klappen, um einen Blick zu erhaschen. Möglicherweise gehört sich das nicht in der New Yorker Society.
Meine Wohltäter flitzten noch vor Beginn des Applauses schnell zu ihrem Auto - Amerikaner verlieren nunmal nicht gerne Zeit - nicht ohne mir ihre tiefste Bewunderung dafür auszudrücken, daß ich bereit gewesen wäre, Richard Strauß im wahrsten Sinne des Wortes durchzustehen. Wie ich bereits erwähnte, ist das nicht ganz richtig. Dennoch fühlte ich mich so, als wenn ich bald im Training sei, Wagner im Handstand zu absolvieren.
Vollkommen beschwingt ging ich danach noch in die Tenth Avenue Lounge, ein Bierchen auf mein Glück zu trinken. Dort lernte ich meine Nachbarn Frank und Arnold kennen. Frank ist Friseur und hat sizilianische Eltern. Arnold ist Lehrer und Schauspieler, und seine Eltern sind Mexikaner. Selbstverständlich wird Frank mir die Haare umsonst schneiden. Und - Ines - wir sind herzlich eingeladen mit den beiden und Arnolds Mutter aus Texas Heiligabend zu verbringen.
" Che culo!" kommentierte Curzio fassungslos am nächsten Morgen, als er von meinem Abenteuer erfuhr. Das ist eine ziemliche ungezogene Art, zum Ausdruck zu bringen, dass ich einen Mörderdusel hatte, den er mir nicht so recht gönnt. Aber wer viel Glück hat, hat eben auch viele Neider...
Freitag, 28. Dezember 2007
Sonntag, 16. Dezember 2007
Pizza in New York
Email aus New York, November 2000
Am Sonnabend hatte ich meinen ersten großen Kulturschock, und das ausgerechnet mit einem fiorentinischen Pizzabaecker aus meiner Straße. Curzio, der jeden abend dort seine Pizza holt, hat mir schon alles von ihm erzählt. 23 Jahre alt, hat etwas überstürzt eine amerikanische Studentin, 21, geheiratet, und sitzt nun hier in einem Take-Away-Pizza-Laden mit zwei Plastiktischen, will nicht so recht Englisch lernen und fühlt sich kein bißchen wohl. Wenn er von seinem Schicksal erzählt, will sagen, wenn Curzio das imitiert, klingt das ungefähr so: "Jetzt steeeelll Dir das doch nur mal vor, ich hatte in Florenz eine Bar auf der Piazza dell' Indipendenza und jetzt sitze ich hier in diesem Loch (verzweifelte Handbewegung in alle Richtungen). Hier sind iiiiiimmer alle in Eile. Zu Hause habe ich von eins bis drei Mittagspause gemacht und hatte Angestellte - hier muss ich AAaalles alleine machen. Wir leeeeeben einfach besser!"
Also bin ich Sonnabend in diesen Laden gegangen, allerdings fest entschlossen die Pizza dort an einem der Plastiktische zu essen. Ich habe auch etwas gegen die ganze Hektik hier, und habe deswegen der amerikanischen Unsitte statt Mittagessen - oder in diesem Fall Abendessen - "Sandwiches zu grabschen" den Krieg erklärt. Im Ernst - Hier gehen mittags alle "to grab a sandwich", das sie dann vor dem Computer verschlingen.
Der Pizzabäcker und seine amerikanische Braut warfen mir allerdings eigenartige Blicke zu, als ich eine kleine Pizza "for here" bestellte. Hab' mich extra noch einmal erkundigt, ob man vielleicht nicht "hier" essen dürfe. "Doch, doch, dauert nur ein Viertelstündchen!" In der Zwischenzeit sind wir nett ins Gespräch gekommen und der Pizzabäcker hat mir noch einmal persönlich auseinandergesetzt, daß das hier alles nichts ist. Als ich die Pizza schließlich zu Gesicht bekam, konnte ich mir die schrägen Blicke dann doch erklären: Sie hatte ungefähr einen Meter Durchmesser. Für alle, die es noch nicht wissen: Eine Pizza in den USA kann man bestenfalls zu fünft essen. Einzelpersonen bestellen Pizzastückchen. Wahrscheinlich legen die Amerikaner damit ihre Diätprogramme aufs Kreuz. Pizza einfach zehnmal so groß backen, und sich dann sagen können: "Ich hab' ja nur ein Stückchen gegessen". Ganz alter Trick, wer würde so etwas nicht von seiner Siebziger-Jahre-Mama kennen?
Mein Entsetzensschrei, jedenfalls, lockte sofort die argentinische Küchenhilfe an den Tresen, die mir ihre uneingeschränkte Solidarität bekundete und ausschweifend von IHRER ersten Pizza in Amerika berichtete. Wir haben uns schließlich nach langem Verhandlungen nach der Art türkischer Bazaare auf zwei Stückchen einigen können und konnten so unser gutes nachbarschaftliches Verhältnis retten.
Während ich meine hart erkämpfte Pizza an einem der beiden Plastiktische auf einem Plastikteller und ohne Besteck verzehrte, kam ein weiterer unserer Nachbarn mit einem ausgesprochen kleinen Schoßhündchen herein, um das aber sofort ein Riesenpomp gemacht wurde. Zwar fehlte die rosa Schleife, dafür bekam der Hund Pizza auf einem Plastikbecher zu essen. Irgendwie hatte ich danach das Gefühl, daß meine Mahlzeit dadurch noch mehr entweiht wurde. Der Pizzabäcker erklärte mir später hinter vorgehaltener Hand, daß Hunde in den USA wichtiger sind als Babys, und wenn man den Hund gut behandelt, kommt der Besitzer garantiert wieder.
Die Konversation zwischen Hundebesitzer und Pizzabäcker war in jedem Fall sehenswert.
Pizzabäcker (breitet die Arme aus, als wenn er einen riesigen Blumenstrauß überreichen würde): "Warum waren Sie so lange nicht da, wir haben Sie vermißt!"
Hundebesitzer (etwas nüchterner, jedoch versucht, italienisch zu sprechen): "Mucho trabajo!"
Pizzabäcker (empört): "Moooolto lavooooro!"
Dieses Schauspiel wiederholte sich danach entsprechend mit den verschiedensten spanischen und italienischen Wörtern. Die Empörung des Pizzabäckers war meiner Meinung nach nicht ganz gerechtfertigt, denn er spricht auch einfach immer italienisch, wenn er vorgibt englisch zu reden. Der Hundebesitzer erklärte danach ausschweifend - auf englisch- das Wesen seiner niederdrückenden Arbeitslast. Michael Douglas habe heute ganz geheim geheiratet, und er habe die Blumen bereitstellen müssen.
Etwa an diesem Punkt betrat ein dritter Nachbar die Szene, der wiederum fließend italienisch sprach, denn sein Freund ist aus Sorrent. Leider hatte der gerade Probleme mit seiner Gnocchi-Sauce, weswegen eilig der Pizzabäcker konsultiert werden mußte. Dem gelang es schließlich, das köstliche Mahl noch durch den Verkauf etlicher Saucen und Zutaten zu retten. Der Hundebesitzer und der Freund des sorrentinischen Kochs begrüßten sich überschwenglich, und beantworteten die Frage, ob sie sich kennen würden, mit einem überzeugten :" Oh yes, we're neighbors." Zwar mussten sich die beiden uralten Freunde und Nachbarn doch noch einmal kurz namentlich vorstellen ("what was your name again?"), aber dann war wieder alles cool und easy: "Bye, have a good one, Chris!"
Als ich meine Pizza fertig gegessen hatte, forderte der Hundebesitzer seinen Liebling gerade auf, Herrchens Mahlzeit in einer Tüte im Maul nach Hause zu tragen. Als der Hund sich dazu nach einigem Widerstand schließlich breitschlagen ließ, erbebte die kleine Pizzabude vor tosendem Applaus. Dem Hund gehört die ungeteilte Bewunderung unserer gesamten Nachbarschaft.
Und kann mir jetzt mal einer erklären, warum ich am Wochenende nach SoHo soll?
Am Sonnabend hatte ich meinen ersten großen Kulturschock, und das ausgerechnet mit einem fiorentinischen Pizzabaecker aus meiner Straße. Curzio, der jeden abend dort seine Pizza holt, hat mir schon alles von ihm erzählt. 23 Jahre alt, hat etwas überstürzt eine amerikanische Studentin, 21, geheiratet, und sitzt nun hier in einem Take-Away-Pizza-Laden mit zwei Plastiktischen, will nicht so recht Englisch lernen und fühlt sich kein bißchen wohl. Wenn er von seinem Schicksal erzählt, will sagen, wenn Curzio das imitiert, klingt das ungefähr so: "Jetzt steeeelll Dir das doch nur mal vor, ich hatte in Florenz eine Bar auf der Piazza dell' Indipendenza und jetzt sitze ich hier in diesem Loch (verzweifelte Handbewegung in alle Richtungen). Hier sind iiiiiimmer alle in Eile. Zu Hause habe ich von eins bis drei Mittagspause gemacht und hatte Angestellte - hier muss ich AAaalles alleine machen. Wir leeeeeben einfach besser!"
Also bin ich Sonnabend in diesen Laden gegangen, allerdings fest entschlossen die Pizza dort an einem der Plastiktische zu essen. Ich habe auch etwas gegen die ganze Hektik hier, und habe deswegen der amerikanischen Unsitte statt Mittagessen - oder in diesem Fall Abendessen - "Sandwiches zu grabschen" den Krieg erklärt. Im Ernst - Hier gehen mittags alle "to grab a sandwich", das sie dann vor dem Computer verschlingen.
Der Pizzabäcker und seine amerikanische Braut warfen mir allerdings eigenartige Blicke zu, als ich eine kleine Pizza "for here" bestellte. Hab' mich extra noch einmal erkundigt, ob man vielleicht nicht "hier" essen dürfe. "Doch, doch, dauert nur ein Viertelstündchen!" In der Zwischenzeit sind wir nett ins Gespräch gekommen und der Pizzabäcker hat mir noch einmal persönlich auseinandergesetzt, daß das hier alles nichts ist. Als ich die Pizza schließlich zu Gesicht bekam, konnte ich mir die schrägen Blicke dann doch erklären: Sie hatte ungefähr einen Meter Durchmesser. Für alle, die es noch nicht wissen: Eine Pizza in den USA kann man bestenfalls zu fünft essen. Einzelpersonen bestellen Pizzastückchen. Wahrscheinlich legen die Amerikaner damit ihre Diätprogramme aufs Kreuz. Pizza einfach zehnmal so groß backen, und sich dann sagen können: "Ich hab' ja nur ein Stückchen gegessen". Ganz alter Trick, wer würde so etwas nicht von seiner Siebziger-Jahre-Mama kennen?
Mein Entsetzensschrei, jedenfalls, lockte sofort die argentinische Küchenhilfe an den Tresen, die mir ihre uneingeschränkte Solidarität bekundete und ausschweifend von IHRER ersten Pizza in Amerika berichtete. Wir haben uns schließlich nach langem Verhandlungen nach der Art türkischer Bazaare auf zwei Stückchen einigen können und konnten so unser gutes nachbarschaftliches Verhältnis retten.
Während ich meine hart erkämpfte Pizza an einem der beiden Plastiktische auf einem Plastikteller und ohne Besteck verzehrte, kam ein weiterer unserer Nachbarn mit einem ausgesprochen kleinen Schoßhündchen herein, um das aber sofort ein Riesenpomp gemacht wurde. Zwar fehlte die rosa Schleife, dafür bekam der Hund Pizza auf einem Plastikbecher zu essen. Irgendwie hatte ich danach das Gefühl, daß meine Mahlzeit dadurch noch mehr entweiht wurde. Der Pizzabäcker erklärte mir später hinter vorgehaltener Hand, daß Hunde in den USA wichtiger sind als Babys, und wenn man den Hund gut behandelt, kommt der Besitzer garantiert wieder.
Die Konversation zwischen Hundebesitzer und Pizzabäcker war in jedem Fall sehenswert.
Pizzabäcker (breitet die Arme aus, als wenn er einen riesigen Blumenstrauß überreichen würde): "Warum waren Sie so lange nicht da, wir haben Sie vermißt!"
Hundebesitzer (etwas nüchterner, jedoch versucht, italienisch zu sprechen): "Mucho trabajo!"
Pizzabäcker (empört): "Moooolto lavooooro!"
Dieses Schauspiel wiederholte sich danach entsprechend mit den verschiedensten spanischen und italienischen Wörtern. Die Empörung des Pizzabäckers war meiner Meinung nach nicht ganz gerechtfertigt, denn er spricht auch einfach immer italienisch, wenn er vorgibt englisch zu reden. Der Hundebesitzer erklärte danach ausschweifend - auf englisch- das Wesen seiner niederdrückenden Arbeitslast. Michael Douglas habe heute ganz geheim geheiratet, und er habe die Blumen bereitstellen müssen.
Etwa an diesem Punkt betrat ein dritter Nachbar die Szene, der wiederum fließend italienisch sprach, denn sein Freund ist aus Sorrent. Leider hatte der gerade Probleme mit seiner Gnocchi-Sauce, weswegen eilig der Pizzabäcker konsultiert werden mußte. Dem gelang es schließlich, das köstliche Mahl noch durch den Verkauf etlicher Saucen und Zutaten zu retten. Der Hundebesitzer und der Freund des sorrentinischen Kochs begrüßten sich überschwenglich, und beantworteten die Frage, ob sie sich kennen würden, mit einem überzeugten :" Oh yes, we're neighbors." Zwar mussten sich die beiden uralten Freunde und Nachbarn doch noch einmal kurz namentlich vorstellen ("what was your name again?"), aber dann war wieder alles cool und easy: "Bye, have a good one, Chris!"
Als ich meine Pizza fertig gegessen hatte, forderte der Hundebesitzer seinen Liebling gerade auf, Herrchens Mahlzeit in einer Tüte im Maul nach Hause zu tragen. Als der Hund sich dazu nach einigem Widerstand schließlich breitschlagen ließ, erbebte die kleine Pizzabude vor tosendem Applaus. Dem Hund gehört die ungeteilte Bewunderung unserer gesamten Nachbarschaft.
Und kann mir jetzt mal einer erklären, warum ich am Wochenende nach SoHo soll?
Sonntag, 9. Dezember 2007
Election Day+9 oder so
Email aus New York, November 2000
Amerika hat immer noch nicht herausgefunden, wer der neue Präsident ist und Nd. kommt jeden Tag gramgebeugter an die Uni: "This has turned into a circus country!" Ich habe ihm vorgeschlagen, dass wir das nächste Mal ein paar internationale Beobachter schicken könnten.
Am Freitag war ich in der hippesten und teuersten Bar von New York. Alex, meine israelische Fotografin, hat dort Geburtstag gefeiert. Warum, ist mir heute noch ein Rätsel. Sie hat keine müde Mark in der Tasche, und als sie einen Tisch bestellen wollte, mußte sie feststellen, daß man nur schlappe 400$ dafür haben wollte. Also ohne Tisch. Dafür kamen wir dort richtig zur Geltung. Während alle anderen Frauen so aussahen, als hätten sie vier bis fünf Stunden gebraucht, um sich zu präparieren, hatte die Mehrzahl von Alex‘ Freundinnen einen flotten Kurzhaarschnitt, war betont ungeschminkt, hatte den Pullover in die Hose gesteckt und konkurrierte energisch den Männern um all die Schönheiten, die sich an der Bar räkelten. Sehr schön! Dazu hatten wir noch ein paar Tunten im Schlepptau und der Rest bestand aus Alex' Kollegen aus dem Fotolabor, die allesamt heimliche Fotografen sind und nur im Labor arbeiten, um billig das Material nutzen zu können. Hab' mich nie so recht getraut zuzugeben, daß ich versuche, Volkswirtin zu sein.
Meine Brooklyn-Safari am Sonntag begann in Park Slope, der Heimat von Paul Auster. Ich habe immer fleißig nach ihm Ausschau gehalten, aber außer daß ich mal in der Villagevoice gelesen hatte, er sei wahnsinnig gutaussehend, war mir nichts Näheres über die Details seines Äußeren bekannt. Also wieder keinen Dichter geangelt. Dafür wußte Jeanette, wo es den besten Flohmarkt gibt. Ich habe jedoch von dem Erwerb von Postkarten mit dem Stempel "Wir sind heim ins Reich gekommen -Schlesien" Abstand genommen.
Die nächste Station führte uns nach Crown Heights, wo die Einwanderer aus den West Indies leben. Die Frauen tragen Turbane auf dem Kopf, das hat mich gefreut, aber es roch dort nicht so gut nach exotischen Früchten, wie ich mir das vorgestellt hatte. Eigentlich hatte wir uns nach kreolischer Küche gesehnt, aber das einzige Restaurant, das wir entdecken konnten hieß zwar "La higienica", sah aber nicht so aus. Deswegen stiegen wir noch einmal in die U-Bahn und fuhren an die russische Ostsee. Die liegt hier in New York ganz am Ende von Brooklyn am Meer. Wenn man aus der U-Bahn steigt, hört man nur noch russisch und sieht kyrillische Schrift, die Strandpromenade ist gesäumt von bobonfarbenen Cafés und Restaurants, alle jungen Frauen sind figurbetont gekleidet und sexy, und alle Frauen mittleren Alters tragen Tigerlook. Und hhhhmmmmm schmecken die Pelmeni lecker!
Der Kellner konnte nicht so recht Englisch, kam aber jedesmal aus der Küche mit einem neuen deutschen Wort zurück. Später machten wir an der Strandpromenade noch die Bekanntschaft eines Polen mit imposantem Cowboyhut und einem Schnauzer der neben den Mundwinkeln bis zum Kinn herunterwuchs. Der konnte auch kein Englisch, brachte es aber trotzdem fertig, uns zu erzählen, daß er am Wochenende gerne mal einen hebt, aber montags immer wieder pünktlich auf dem Bau ist.
Am Ende waren wir so geschafft von all diesen Kulturen, dass wir uns erst einmal bei einem Bier im "Hallo Berlin" davon erholen mussten. Dort stießen wir auf eine Argentinierin, die sich über die französische Küche beschwerte und glücklich war, endlich mal wieder ein Schnitzel essen zu können - wie zu Hause. Sie kellnert in New York, um für die Uni zu sparen. Ich kann mir eigentlich keinen schlechteren Ort zum Sparen vorstellen als New York. Außer vielleicht Buenos Aires - da ist alles genau so teuer, dafür verdient man die Hälfte.
Sandra hat mich am Dienstag zusammen mit ihrem deutsch-jüdischen Freund Dan in eine Charity-Veranstaltung nach Harlem geschleppt. Wir haben Geld für die Reparatur des Kirchturms der St. Martin's Church gesammelt. Diesmal leckeres kreolisches Essen und ich durfte mich ein wenig willkommener fühlen, als damals in der Kirche. Wurde sogar ständig gefragt, ob ich auch in St. Martin's zur Kirche ginge.
Und damit Corinna nun nicht glaubt, dass hier lediglich zwei jämmerliche Gestalten aus Freiburg herumlaufen, sollte ich dazu sagen, dass ich unlängst meinen alten Kollegen und Tennispartner Jörn Paoadopoulos in Erwartung seines zweiten Kindes an der Colombia University ausgegraben habe. Wir treffen uns morgen auf halbem Wege (Westseite, fünfziger) zum "lunch".
Amerika hat immer noch nicht herausgefunden, wer der neue Präsident ist und Nd. kommt jeden Tag gramgebeugter an die Uni: "This has turned into a circus country!" Ich habe ihm vorgeschlagen, dass wir das nächste Mal ein paar internationale Beobachter schicken könnten.
Am Freitag war ich in der hippesten und teuersten Bar von New York. Alex, meine israelische Fotografin, hat dort Geburtstag gefeiert. Warum, ist mir heute noch ein Rätsel. Sie hat keine müde Mark in der Tasche, und als sie einen Tisch bestellen wollte, mußte sie feststellen, daß man nur schlappe 400$ dafür haben wollte. Also ohne Tisch. Dafür kamen wir dort richtig zur Geltung. Während alle anderen Frauen so aussahen, als hätten sie vier bis fünf Stunden gebraucht, um sich zu präparieren, hatte die Mehrzahl von Alex‘ Freundinnen einen flotten Kurzhaarschnitt, war betont ungeschminkt, hatte den Pullover in die Hose gesteckt und konkurrierte energisch den Männern um all die Schönheiten, die sich an der Bar räkelten. Sehr schön! Dazu hatten wir noch ein paar Tunten im Schlepptau und der Rest bestand aus Alex' Kollegen aus dem Fotolabor, die allesamt heimliche Fotografen sind und nur im Labor arbeiten, um billig das Material nutzen zu können. Hab' mich nie so recht getraut zuzugeben, daß ich versuche, Volkswirtin zu sein.
Meine Brooklyn-Safari am Sonntag begann in Park Slope, der Heimat von Paul Auster. Ich habe immer fleißig nach ihm Ausschau gehalten, aber außer daß ich mal in der Villagevoice gelesen hatte, er sei wahnsinnig gutaussehend, war mir nichts Näheres über die Details seines Äußeren bekannt. Also wieder keinen Dichter geangelt. Dafür wußte Jeanette, wo es den besten Flohmarkt gibt. Ich habe jedoch von dem Erwerb von Postkarten mit dem Stempel "Wir sind heim ins Reich gekommen -Schlesien" Abstand genommen.
Die nächste Station führte uns nach Crown Heights, wo die Einwanderer aus den West Indies leben. Die Frauen tragen Turbane auf dem Kopf, das hat mich gefreut, aber es roch dort nicht so gut nach exotischen Früchten, wie ich mir das vorgestellt hatte. Eigentlich hatte wir uns nach kreolischer Küche gesehnt, aber das einzige Restaurant, das wir entdecken konnten hieß zwar "La higienica", sah aber nicht so aus. Deswegen stiegen wir noch einmal in die U-Bahn und fuhren an die russische Ostsee. Die liegt hier in New York ganz am Ende von Brooklyn am Meer. Wenn man aus der U-Bahn steigt, hört man nur noch russisch und sieht kyrillische Schrift, die Strandpromenade ist gesäumt von bobonfarbenen Cafés und Restaurants, alle jungen Frauen sind figurbetont gekleidet und sexy, und alle Frauen mittleren Alters tragen Tigerlook. Und hhhhmmmmm schmecken die Pelmeni lecker!
Der Kellner konnte nicht so recht Englisch, kam aber jedesmal aus der Küche mit einem neuen deutschen Wort zurück. Später machten wir an der Strandpromenade noch die Bekanntschaft eines Polen mit imposantem Cowboyhut und einem Schnauzer der neben den Mundwinkeln bis zum Kinn herunterwuchs. Der konnte auch kein Englisch, brachte es aber trotzdem fertig, uns zu erzählen, daß er am Wochenende gerne mal einen hebt, aber montags immer wieder pünktlich auf dem Bau ist.
Am Ende waren wir so geschafft von all diesen Kulturen, dass wir uns erst einmal bei einem Bier im "Hallo Berlin" davon erholen mussten. Dort stießen wir auf eine Argentinierin, die sich über die französische Küche beschwerte und glücklich war, endlich mal wieder ein Schnitzel essen zu können - wie zu Hause. Sie kellnert in New York, um für die Uni zu sparen. Ich kann mir eigentlich keinen schlechteren Ort zum Sparen vorstellen als New York. Außer vielleicht Buenos Aires - da ist alles genau so teuer, dafür verdient man die Hälfte.
Sandra hat mich am Dienstag zusammen mit ihrem deutsch-jüdischen Freund Dan in eine Charity-Veranstaltung nach Harlem geschleppt. Wir haben Geld für die Reparatur des Kirchturms der St. Martin's Church gesammelt. Diesmal leckeres kreolisches Essen und ich durfte mich ein wenig willkommener fühlen, als damals in der Kirche. Wurde sogar ständig gefragt, ob ich auch in St. Martin's zur Kirche ginge.
Und damit Corinna nun nicht glaubt, dass hier lediglich zwei jämmerliche Gestalten aus Freiburg herumlaufen, sollte ich dazu sagen, dass ich unlängst meinen alten Kollegen und Tennispartner Jörn Paoadopoulos in Erwartung seines zweiten Kindes an der Colombia University ausgegraben habe. Wir treffen uns morgen auf halbem Wege (Westseite, fünfziger) zum "lunch".
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