Email aus New York, November 2000
Im Moment dreht sich mein Leben um italienische Industriepaneldaten. Ob ihr es glaubt oder nicht, die Italiener waren die Ersten, die ihre Daten vollständig bei der OECD abgegeben haben. Nd. sagt, er glaubt im Leben nicht, daß die schneller waren als die Deutschen. Er vermutet, sie haben sich Daten einfach ausgedacht. Trotzdem fangen wir jetzt erst einmal mit Italien an - "to check on these guys".
Das Gute an der älteren Generation ist, dass sie als Nebenprodukt ihrer Ablehnung des Computers darüber hinwegsieht, daß Deutschland inzwischen den Anschluss an moderne Technologien verpasst hat. Ab und zu sonne ich mich mal ganz gerne in dem längst vergangenen Ruhm.
Wie ihr alle wißt, tun sich die Amerikaner derzeit schwer damit herauszufinden, wen sie zum Präsidenten gewählt haben. Irgendwie kommt beim Zählen jedesmal etwas anderes heraus und von den Hochrechnungen wollen wir mal gar nicht sprechen. Vielleicht können die mal ein paar italienische Statistiker gebrauchen? In jedem Fall ist eine gewisse Schadenfreude bei den italienischen Staatsbürgern auf meinem Gang nicht zu überhören. Der allgemeine Konsens lautet in etwa: "Na, jetzt wollen wir mal sehen, wie DIE mit politischer Instabilität klarkommen.
Anfangs hat mich solche Erlebnisse hier noch schockiert, aber inzwischen scheint sich mir alles wie ein Mosaik zusammenzufügen: Altertümliche Badewannen auf 30 cm Höhe direkt neben der Spüle, Heizungen ohne Wärmeregulierung, Präsidentschaftswahlen ohne Ergebnisse und Waschmaschinen, in denen die Wäsche nicht sauber wird... Zu alledem schreibe ich Euch gerade aus dem achten Stock eines Gebäudes, dessen fünfter bis siebter Stock gestern wegen einstürzender Decken evakuiert wurde. Als ich meine Eltern telefonisch über dieses Malheur unterrichtete, lautete die - wie mir schien eher ungerührte - Antwort: "Na, dann bist ja aus dem Gröbsten 'raus."
Trotz aller Mißgeschicke ist und bleibt Amerika eine Leistungsgesellschaft. Leider macht sich das ausgerechnet beim Tango bemerkbar. Ach wenn Ihr es nur sehen könntet! Alle Ethnien dieser Welt, Inderinnen, Schwarzamerikaner, Iraner, Afrikanerinnen, wie sie hingebungsvoll aneinander angelehnt in anmutigen, weichen Bewegungen über die Tangotanzflächen dieser Stadt schweben.
So etwas Schönes!
Ich frag mich nur, wo sich die ganzen Anfängerinnen und die "intermediate" Tänzerinnen verstecken. Offensichtlich wagt sich ohne perfekte Tanzausbildung außer mir keine tanguera zu diesen prácticas. Die Männer sind da natürlich wie immer unerschrockener.
Tango besteht - für die, die es noch nicht wissen - zu einem Großteil aus Pausen. Aber die muß man beherrschen! Eine versierte tanguera lehnt sich dabei noch ein bißchen hingebungsvoller an ihren Partner, wiegt sich anmutig hin und her oder streicht mit einem Fuß an ihrem - gelegentlich auch seinem - Standbein entlang. Bei mir hingegen rächt sich in solchen Pausen, daß Antonio freitags immer in Poppenbüttel kellnern und danach allerlei gesellschaftlichen Verpflichtungen am Schulterblatt nachgehen muß. Wenn ich besonders geistesgegenwärtig bin, bemühe ich mich das Spielbein anmutig anzuwinkeln. Aber meistens stehe ich ratlos auf beiden Beinen herum und frage mich, ob ich mich wohl noch mehr als Stümper entlarve, wenn die nächste Figur ein Mühle ist, oder sollte ich kichern müssen, wenn der Tänzer plötzlich aus einer Drehung heraus ganchos tanzt - will sagen wie ein Pferd nach hinten ausschlägt und zwar zwischen meine Beine.
Und weil ich so ziemlich die einzige Dame auf der Tanzfläche bin, die nicht die Perfektion erreicht, ergibt es sich, daß ich mich vor allem bei der älteren Generation größter Beliebtheit erfreue. Nicht daß das grundsätzlich schlimm wäre. Das Schöne am Tango ist, daß der Tanzpartner zwei Köpfe kleiner und vierzig Jahre älter sein kann, wenn er nur gut tanzt, sieht es wunderbar aus. Nein ich spreche von den älteren Herren, die gar nicht tanzen können. Dafür sind sie vom Schlage "oh, how are you supposed to lead someone, if you have to stay so far away from them". Die Startänzer tanzen gelegentlich mit mir, aber nur wenn sie mich noch nicht haben tanzen sehen, und nie länger als zwei Tänze. Deswegen wechsele ich jedesmal den Tangoschuppen, um unerkannt zu bleiben. Und wenn Ihr da wärt, könntet Ihr sehen, wie ich zwischen den Tänzen sternförmig durch den Saal eile, immer auf der Flucht vor den Nichttänzern und in der Hoffnung, einen Startanguero in eine Milonga zu locken, bevor ihm klar wird, worauf er sich da einläßt. Glaubt nur nicht, daß einem hier irgendetwas geschenkt wird...
Aber auch mit den Deutschen ist das Leben nicht immer ein Kinderspiel. Mich haben hier die kultivierten Frauen unter ihre Fittiche genommen und sorgen dafür, daß ich regelmäßig in die Carnegie Hall und in die Metropolitan Opera komme (daher auch meine profunden Kenntnisse darüber, wie der Champagner dort ausgeschenkt wird). Mein kulturelles Sahnehäubchen ist Jeanette, die am Lincoln Center für anderthalb Jahre Geigen baut. Nur sehr widerwillig allerdings, denn ihr Freund - ein armenischer Geiger - ist in Berlin zurückgeblieben. Am Montag haben wir uns die Zauberflöte angesehen. Daß Sarastro ein Desastro war, habe sogar ich gehört. Aber bei der zweiten Arie der Königin der Nacht (ahahahahahaaaaaa...) konnte ich nicht mehr an mich halten und wollte mit Janine teilen, wie schön mir das erschien. "Unsauber" raunt sie streng zurück. Wie ihr seht, habe ich noch viel zu lernen.
Vorgestern abend saß ich doch bei Aggie's mit meiner Tomatensuppe, da steht auf einmal- passenderweise - Klaus Noser vor mir. Wißt Ihr, dieser langmonatige Verehrer und Ballherr unsere alten Freundin Agnes Vogel...Er wußte zu berichten, daß Agnes pünktlich jeden Sonnabend in dem Laden in der Susannenstraße aufkreuzt, wo er Seventies-Klamotten verkauft, und sich über ihre verschiedenen Freunde beklagt. Irgendwo muss die Welt ja normal bleiben und so, wie man sie kennt.
Und so schließe ich heute mit einer kleinen Variation einer alten Lebensweisheit, die seinerzeit unter Passauer Studenten sehr verbreitet war: "Warnung an alle - die Schanze ist überall!"
Sonntag, 9. Dezember 2007
Sonntag, 2. Dezember 2007
Auf Wiedersehen Indien
Eigentlich ließ sich die Nacht im Großraumschlafwagen von Udaipur nach Jaipur gut an - jedenfalls für mich. Die Pritschen sind nicht ungemütlicher als die in Europa, dafür wackelt und ruckelt der Zug sehr viel gewaltiger. Das muss frühkindliche Erfahrungen in mir wach gerufen haben. Ich konnte schon um acht Uhr meine Augen nicht mehr aufhalten und schlief den Großteil der Nacht wie ein Baby. Nach drei Wochen hartem Training fange ich an, mit strengen Gerüchen, Schnarchen, Schnauben, Würgen und Mantra-artig wiederholten Ansagen auf den Bahnhöfen morgens um drei fast schon spielerisch umzugehen.
Leider waren wir bei unserer Ankunft morgens um sechs offenbar doch zu sehr gerädert, um bei der üblichen Konfrontation mit den Schleppern unsere bewährte Buddha-gleiche Langmut walten zu lassen. Die hatte uns bislang immer vor unerwünschten und überteuerten Rikschafahrten bewahrt und davor, anstatt in dem Hotel unserer Wahl dort zu landen, wo die höchste Kommission auf den Rikschafahrer wartet. Im erfrischten und wachen Geisteszustand wenden M. und ich den Schleppern gegenüber die bewährte Joga-Meditationsmethode "Ausschalten des Unerwünschten" an. Diesmal verloren wir jedoch die Nerven und baten sie - erst höflich, dann harscher - uns in Ruhe zu lassen. Das gefiel ihnen nicht und sie bedienten sich ihrer erstaunlichen Fähigkeit, sich schlagartig zu vermehren, während sie sich an unsere Fersen hefteten, um uns im Chor zu beschimpfen und einzuschüchtern, weil wir ihre Rikschafahrerdienste verschmähten. In letzterMinute gelang es Mellie und mir, uns in eine staatlich kontrollierte Rikscha zu retten, in der es sich nur ein einziger Schlepper gemütlich gemacht hatte. Auch der bezichtigte uns der Lügen, als wir ihm wahrheitsgemäß versicherten, wir hätten die Sehenswürdigkeiten von Jaipur schon alle gesehen. Aber immerhin brachte er uns wie gewünscht in unseren Englischen-Herrenklub-Maharadja-Palast. M. litt den Rest des Tage an einem Indien-Overkill. Am besten ich fahre nächstes Jahr mit ihr an einen einsamen finnischen See.
Leider sind unsere Tage in diesem lauten, dreckigen, brutalen, bunten, exotischen, märchenhaften und sehr freundlichem Land inzwischen schon vorüber. Wir wollen den Tag nicht vor dem Abend loben, aber bislang bewerten wir unsere Bilanz bei der Überwindung der hier lauernden Gefahren positiv. Keine Magenprobleme, meistens sind wir vergleichsweise elegant mit den Schleppern fertig geworden und ich bin nur einmal in Kuhmist getreten. Ich hatte Glück im Unglück, denn sogleich war ein Ladenbesitzer mit einem Eimerchen Wasser zur Stelle. Als ich fragte, ob er einen Mülleimer für mein dreckiges Taschentuch hätte, deutete er auf den Straßenrand: " Lot's of waste basket in the street Ma'am", kommentierte er treuherzig das Offensichtliche, " it's India".
Immerhin bin ich froh, dass mir das Missgeschick nicht am Mittwoch widerfahren ist, denn dann hätte ich womöglich ein Kunstwerk zerstört. Die Hindus huldigten an diesem Tag Krishna und der Kuh, seinem Gefährt, indem sie interessante, blumengeschmückte Kuhfladen-Skulpturen vor ihren Türen modellierten. Abgesehen davon, dass sie als heilig gelten und deswegen nicht überfahren werden, sind die Kühe in Indien allerdings beklagenswerte Geschöpfe. Die meisten können sich kaum auf den Beinen halten und ihre Euter wirken kläglich und verkümmert - Plastik ist nun einmal nicht sehr nahrhaft. Oft bereitet es schlimme Magenschmerzen bis hin zu einem qualvollen Tod. Nur zu verständlich, dass unser Schweizer Schwerthändler große Zweifel hat, ob die Milch in Indien wohl so gut ist wie die zu Hause.
Ungeachtet dieser Beobachtungen scheint das Los der Kühe im Vergleich zu dem der Hunde noch recht erstrebenswert zu sein. Jedenfalls trafen wir neulich einen Hund, der wie eine Kuh muhte. M. vermutet, er strebt in seinem nächsten Leben ein höheres Dasein an. Vielleicht hatte er aber auch einfach nur eine Identitätskrise oder aber er war ein verkleideter Papagei - in Indien weiß man nie so genau.
Nach unserer erfolgreichen Nachtzugfahrt ärgere ich mich fast, dass wir das nicht öfter genutzt haben. Dann hätten wir zumindest noch der märchenhafte Wüstenstadt Jasailmer einen Besuch abstatten und auf Kamelen reiten können. Auf der andere Seite hatte es aber auch sein Gutes, dass wir im Schneckentempo und meditierend durch Rajasthan getingelt sind.
Die ersten zweieinhalb Wochen lernten wir praktisch keine reisende Menschenseele kennen. Die Abwesenheit von Bars erschwert es auf dem Subkontinent erheblich, Gleichgesinnte zu finden. Erst beharrliches Verweilen in Udaipur bescherte uns einige interessante Bekanntschaften im Café Edelweiss, das ein deutscher Studiosus-Reiseleiter dort eröffnet hat. Unter unseren neuen Bekannten sind ein deutscher Aussteiger mit Antibiotika-Allergie und eine Reihe von Weltreisenden, die schon seit mehreren Jahren unterwegs sind und keine Hemmungen haben, in Indien im Thailand-Look aufzutreten. Nein, im Gegenteil, es sei gut, dass es keine Bars in Indien gäbe, belehrte mich Kylie aus Kanada, der es schon seit sieben Jahren nicht mehr nach Hause geschafft hat. Bars würden Indien zerstören. Wahrscheinlich deswegen kam ich mir wie ein Junkie vor, als mir mein Feierabendbier vor dem Tempel in einer blickdichten Teetasse serviert wurde und ich die Flasche unterm Tisch verstecken musste. Die Hindus haben nach den muslimischen Eroberungszügen einige schlechte Gewohnheiten aus der islamischen Welt übernommen. Dazu gehören die Scheu vor öffentlichem Alkoholausschank und die Zenanas in den vornehmen Bürgerhäusern und Maharadja-Palästen, in denen die Frauen versteckt wurden. Immerhin stellten ihnen ihre Männer so eine Art Fernseher zur Verfügung, um ihre Gefangenschaft kurzweiliger zu gestalten. Die Fenster der Paläste von Radjasthan sind so verziert, dass von draußen zwar niemand hineinsehen kann, die Damen aber freien Blick auf das bunte Treiben im Basar hatten, jedenfalls wenn sie sich dafür flach auf den Boden legen. Oder aber sie waren ein gutes Stück kleiner als ich.
Besser als die weltenbummelten Beachboys aus Thailand gefiel mir die Japanerin Shi, die mir im Basar nach dem Besuch des Stadtpalastes von Udaipur zulief. Wegen ihrer vielen Tätowierungen und des ACDC-Shirts musste sie Hokkaido verlassen und ging nach Tokyo, wo die Punk-Szene schon etwas weiter entwickelt ist als auf dem Land. Das teure Leben dort verdient sie sich mit zwei Jobs. Tagsüber gibt sie Daten für einen Sicherheitsdienst in den Computer ein und nachts verprügelt sie brave japanische Familienväter und Beamte - aber mit Respekt, wie sie betonte - oder sie bindet deren Vorliebe, sich als Schulmädchen zu verkleiden, in ein gewaltärmeres Liebesspiel ein. Fetisch ist in Japan ganz groß, erklärte sie mir. Daneben kam mir mein Job etwas farblos vor.
Unser Schweizer Schwert-Antiquitätenhändler fand bei einem Fachgespräch mit Shi über Samurai-Schwerter heraus, dass ihr Großvater einem bekannten japanischen Mafiageschlecht angehörte, den Yakuzis. Nur so kann er sich ihre Tätowierungen erklären. Die Japaner mögen die globalen Trendsetter auf dem Gebiet des Fransenhaarschnitts und der blonden Strähnchen geworden sein. Die Toleranz gegenüber weiblichem Gangsterlook aber hat dort immer noch ihre Grenzen, wenn die betroffene Frau nicht gerade eine Nachkommin landesweit bekannter Verbrecher ist. Gangstererbin und Teilzeitdomina Shi reist durch Indien, um den Geist ihres Ex-Ehemannnes auszutreiben, mit dem sie einmal vier Monate in Goa verbracht hat. Wenn sie sich gerade nicht eine neue Tätowierung machen lässt, frequentiert sie zusammen mit Inderinnen die örtlichen Schönheitssalons, um sich die Haut bleichen zu lassen. Währenddessen quälen M. und ich uns zusammen mit den Israelinnen in der Sonne herum, um braun zu werden. So verrückt ist die Welt!
Der Schweizer wiederum hat auf beide Waden Flügel tätowiert. In Indien hat er sich der Shiva-Sekte angeschlossen. Er kommt seit 21 Jahren nach Udaipur,um mit seinem Guru im Tempel zu kiffen. Neben Shiva steht er auf den Götterboten Merkur - daher die Flügel - und auf das Mittelalter. In Indien lässt er Kostüme für seinen alemannischen Ritterklub daheim anfertigen. Von ihm wissen wir, dass sich die Hindus wegen der verwirrenden Vielzahl von Göttern aus Pragmatismus meistens auf einen Gott konzentrieren, der ihnen besonders sympathisch ist. Wie mir scheint kam dem Schweizer am Shiva-Kult besonders gelegen, dass der eine oder andere Joint dafür unerlässlich ist. Dennoch behauptet er hartnäckig, es ginge ihm inzwischen vor allem um die Inhalte seiner neuen Religion.
Sehr vermissen werden M. und ich die Freundlichkeit der Inder. Am schönsten war unser Spaziergang durch die indigoblauen Häuser der Brahmanen von Jodhpur. Jedenfalls war früher Indigo die Farbe der Brahmanen - der Priesterkaste - der Stadt. Heute ist die indische Gesellschaft geringfügig liberaler geworden und auch niedere Kasten dürfen ihre Häuser in Indigo streichen, zumal das vor Mücken schützen soll. Das erfuhren wir bei der lehrreichen Audioführung in der mächtigen und prachtvollen Festung der Stadt, die der Maharadja von Jodhpur mitsamt dem Anschauungsmaterial etwas besser in Schuss hält als der Maharana von Udaipur seinen verschimmelten Stadtpalast.
Der friedlichen Atmosphäre in Jodhpurs Indigo-Viertel kommt nur die Langmut vernachlässigter heiliger Kühe gleich. Kein Vergleich mit dem wilden Basar der Stadt und seinen engen Gassen voller mordlustiger Rikschafahrer, Eseltreiber und Milchmänner auf Stierkutschen, wo mangels Touristenmassen nur Waren für Einheimische im Angebot sind. Will sagen Gemüse anstatt Toilettenpapier, Saris anstatt Hippie-Röcken, Diwali-Süßigkeiten anstatt Bhang-Lassis und Chinaböller anstatt Mineralwasserflaschen . Im Indigo-Viertel herrschte im Vergleich dazu himmlische Ruhe, die Sonne warf goldenes Licht auf die Häuser, die Kinder reichten uns in der Straße zum Gruß die Hände und die alten Damen, die auf den Mauervorsprüngen vor ihren Häusern liegend das Treiben auf den Straßen an sich vorbeiziehen ließen, riefen freundlich "hello" oder "namasthé".
Inzwischen wieder zu Hause angekommen, stellte ich am Sonnabend auf dem Öko-Spießermarkt am Kollwitzplatz fest, dass die Reise mir außergewöhnliche Fähigkeiten verliehen hat. Inzwischen handele ich auch im Mutterland der Festpreise spielerisch und erfolgreich. Auf dem Markt kaufte Gemüse für 5,30 Euro, musste nach einem Blick in mein Porte-Monnaie jedoch zerknirscht feststellen, dass ich nur noch 4,50 Euro mein Eigen nannte. Ich wollte dem Verkäufer gerade anbieten, die Kiwis wieder zurückzulegen, als er schon mit einer wegwerfenden Handbewegung rief "ok, 4,50 Euro". Seine Gesichtszüge verrieten mir, dass er am ehesten südlich des Mittelmeers geboren wurde. Mir war, als hätte in seiner Stimme so etwas wie freudige Erregung mitgeschwungen. Vermutlich wartet er seit seiner Ankunft in Deutschland darauf, dass er endlich einmal wieder so handeln kann wie zu Hause.
Leider waren wir bei unserer Ankunft morgens um sechs offenbar doch zu sehr gerädert, um bei der üblichen Konfrontation mit den Schleppern unsere bewährte Buddha-gleiche Langmut walten zu lassen. Die hatte uns bislang immer vor unerwünschten und überteuerten Rikschafahrten bewahrt und davor, anstatt in dem Hotel unserer Wahl dort zu landen, wo die höchste Kommission auf den Rikschafahrer wartet. Im erfrischten und wachen Geisteszustand wenden M. und ich den Schleppern gegenüber die bewährte Joga-Meditationsmethode "Ausschalten des Unerwünschten" an. Diesmal verloren wir jedoch die Nerven und baten sie - erst höflich, dann harscher - uns in Ruhe zu lassen. Das gefiel ihnen nicht und sie bedienten sich ihrer erstaunlichen Fähigkeit, sich schlagartig zu vermehren, während sie sich an unsere Fersen hefteten, um uns im Chor zu beschimpfen und einzuschüchtern, weil wir ihre Rikschafahrerdienste verschmähten. In letzterMinute gelang es Mellie und mir, uns in eine staatlich kontrollierte Rikscha zu retten, in der es sich nur ein einziger Schlepper gemütlich gemacht hatte. Auch der bezichtigte uns der Lügen, als wir ihm wahrheitsgemäß versicherten, wir hätten die Sehenswürdigkeiten von Jaipur schon alle gesehen. Aber immerhin brachte er uns wie gewünscht in unseren Englischen-Herrenklub-Maharadja-Palast. M. litt den Rest des Tage an einem Indien-Overkill. Am besten ich fahre nächstes Jahr mit ihr an einen einsamen finnischen See.
Leider sind unsere Tage in diesem lauten, dreckigen, brutalen, bunten, exotischen, märchenhaften und sehr freundlichem Land inzwischen schon vorüber. Wir wollen den Tag nicht vor dem Abend loben, aber bislang bewerten wir unsere Bilanz bei der Überwindung der hier lauernden Gefahren positiv. Keine Magenprobleme, meistens sind wir vergleichsweise elegant mit den Schleppern fertig geworden und ich bin nur einmal in Kuhmist getreten. Ich hatte Glück im Unglück, denn sogleich war ein Ladenbesitzer mit einem Eimerchen Wasser zur Stelle. Als ich fragte, ob er einen Mülleimer für mein dreckiges Taschentuch hätte, deutete er auf den Straßenrand: " Lot's of waste basket in the street Ma'am", kommentierte er treuherzig das Offensichtliche, " it's India".
Immerhin bin ich froh, dass mir das Missgeschick nicht am Mittwoch widerfahren ist, denn dann hätte ich womöglich ein Kunstwerk zerstört. Die Hindus huldigten an diesem Tag Krishna und der Kuh, seinem Gefährt, indem sie interessante, blumengeschmückte Kuhfladen-Skulpturen vor ihren Türen modellierten. Abgesehen davon, dass sie als heilig gelten und deswegen nicht überfahren werden, sind die Kühe in Indien allerdings beklagenswerte Geschöpfe. Die meisten können sich kaum auf den Beinen halten und ihre Euter wirken kläglich und verkümmert - Plastik ist nun einmal nicht sehr nahrhaft. Oft bereitet es schlimme Magenschmerzen bis hin zu einem qualvollen Tod. Nur zu verständlich, dass unser Schweizer Schwerthändler große Zweifel hat, ob die Milch in Indien wohl so gut ist wie die zu Hause.
Ungeachtet dieser Beobachtungen scheint das Los der Kühe im Vergleich zu dem der Hunde noch recht erstrebenswert zu sein. Jedenfalls trafen wir neulich einen Hund, der wie eine Kuh muhte. M. vermutet, er strebt in seinem nächsten Leben ein höheres Dasein an. Vielleicht hatte er aber auch einfach nur eine Identitätskrise oder aber er war ein verkleideter Papagei - in Indien weiß man nie so genau.
Nach unserer erfolgreichen Nachtzugfahrt ärgere ich mich fast, dass wir das nicht öfter genutzt haben. Dann hätten wir zumindest noch der märchenhafte Wüstenstadt Jasailmer einen Besuch abstatten und auf Kamelen reiten können. Auf der andere Seite hatte es aber auch sein Gutes, dass wir im Schneckentempo und meditierend durch Rajasthan getingelt sind.
Die ersten zweieinhalb Wochen lernten wir praktisch keine reisende Menschenseele kennen. Die Abwesenheit von Bars erschwert es auf dem Subkontinent erheblich, Gleichgesinnte zu finden. Erst beharrliches Verweilen in Udaipur bescherte uns einige interessante Bekanntschaften im Café Edelweiss, das ein deutscher Studiosus-Reiseleiter dort eröffnet hat. Unter unseren neuen Bekannten sind ein deutscher Aussteiger mit Antibiotika-Allergie und eine Reihe von Weltreisenden, die schon seit mehreren Jahren unterwegs sind und keine Hemmungen haben, in Indien im Thailand-Look aufzutreten. Nein, im Gegenteil, es sei gut, dass es keine Bars in Indien gäbe, belehrte mich Kylie aus Kanada, der es schon seit sieben Jahren nicht mehr nach Hause geschafft hat. Bars würden Indien zerstören. Wahrscheinlich deswegen kam ich mir wie ein Junkie vor, als mir mein Feierabendbier vor dem Tempel in einer blickdichten Teetasse serviert wurde und ich die Flasche unterm Tisch verstecken musste. Die Hindus haben nach den muslimischen Eroberungszügen einige schlechte Gewohnheiten aus der islamischen Welt übernommen. Dazu gehören die Scheu vor öffentlichem Alkoholausschank und die Zenanas in den vornehmen Bürgerhäusern und Maharadja-Palästen, in denen die Frauen versteckt wurden. Immerhin stellten ihnen ihre Männer so eine Art Fernseher zur Verfügung, um ihre Gefangenschaft kurzweiliger zu gestalten. Die Fenster der Paläste von Radjasthan sind so verziert, dass von draußen zwar niemand hineinsehen kann, die Damen aber freien Blick auf das bunte Treiben im Basar hatten, jedenfalls wenn sie sich dafür flach auf den Boden legen. Oder aber sie waren ein gutes Stück kleiner als ich.
Besser als die weltenbummelten Beachboys aus Thailand gefiel mir die Japanerin Shi, die mir im Basar nach dem Besuch des Stadtpalastes von Udaipur zulief. Wegen ihrer vielen Tätowierungen und des ACDC-Shirts musste sie Hokkaido verlassen und ging nach Tokyo, wo die Punk-Szene schon etwas weiter entwickelt ist als auf dem Land. Das teure Leben dort verdient sie sich mit zwei Jobs. Tagsüber gibt sie Daten für einen Sicherheitsdienst in den Computer ein und nachts verprügelt sie brave japanische Familienväter und Beamte - aber mit Respekt, wie sie betonte - oder sie bindet deren Vorliebe, sich als Schulmädchen zu verkleiden, in ein gewaltärmeres Liebesspiel ein. Fetisch ist in Japan ganz groß, erklärte sie mir. Daneben kam mir mein Job etwas farblos vor.
Unser Schweizer Schwert-Antiquitätenhändler fand bei einem Fachgespräch mit Shi über Samurai-Schwerter heraus, dass ihr Großvater einem bekannten japanischen Mafiageschlecht angehörte, den Yakuzis. Nur so kann er sich ihre Tätowierungen erklären. Die Japaner mögen die globalen Trendsetter auf dem Gebiet des Fransenhaarschnitts und der blonden Strähnchen geworden sein. Die Toleranz gegenüber weiblichem Gangsterlook aber hat dort immer noch ihre Grenzen, wenn die betroffene Frau nicht gerade eine Nachkommin landesweit bekannter Verbrecher ist. Gangstererbin und Teilzeitdomina Shi reist durch Indien, um den Geist ihres Ex-Ehemannnes auszutreiben, mit dem sie einmal vier Monate in Goa verbracht hat. Wenn sie sich gerade nicht eine neue Tätowierung machen lässt, frequentiert sie zusammen mit Inderinnen die örtlichen Schönheitssalons, um sich die Haut bleichen zu lassen. Währenddessen quälen M. und ich uns zusammen mit den Israelinnen in der Sonne herum, um braun zu werden. So verrückt ist die Welt!
Der Schweizer wiederum hat auf beide Waden Flügel tätowiert. In Indien hat er sich der Shiva-Sekte angeschlossen. Er kommt seit 21 Jahren nach Udaipur,um mit seinem Guru im Tempel zu kiffen. Neben Shiva steht er auf den Götterboten Merkur - daher die Flügel - und auf das Mittelalter. In Indien lässt er Kostüme für seinen alemannischen Ritterklub daheim anfertigen. Von ihm wissen wir, dass sich die Hindus wegen der verwirrenden Vielzahl von Göttern aus Pragmatismus meistens auf einen Gott konzentrieren, der ihnen besonders sympathisch ist. Wie mir scheint kam dem Schweizer am Shiva-Kult besonders gelegen, dass der eine oder andere Joint dafür unerlässlich ist. Dennoch behauptet er hartnäckig, es ginge ihm inzwischen vor allem um die Inhalte seiner neuen Religion.
Sehr vermissen werden M. und ich die Freundlichkeit der Inder. Am schönsten war unser Spaziergang durch die indigoblauen Häuser der Brahmanen von Jodhpur. Jedenfalls war früher Indigo die Farbe der Brahmanen - der Priesterkaste - der Stadt. Heute ist die indische Gesellschaft geringfügig liberaler geworden und auch niedere Kasten dürfen ihre Häuser in Indigo streichen, zumal das vor Mücken schützen soll. Das erfuhren wir bei der lehrreichen Audioführung in der mächtigen und prachtvollen Festung der Stadt, die der Maharadja von Jodhpur mitsamt dem Anschauungsmaterial etwas besser in Schuss hält als der Maharana von Udaipur seinen verschimmelten Stadtpalast.
Der friedlichen Atmosphäre in Jodhpurs Indigo-Viertel kommt nur die Langmut vernachlässigter heiliger Kühe gleich. Kein Vergleich mit dem wilden Basar der Stadt und seinen engen Gassen voller mordlustiger Rikschafahrer, Eseltreiber und Milchmänner auf Stierkutschen, wo mangels Touristenmassen nur Waren für Einheimische im Angebot sind. Will sagen Gemüse anstatt Toilettenpapier, Saris anstatt Hippie-Röcken, Diwali-Süßigkeiten anstatt Bhang-Lassis und Chinaböller anstatt Mineralwasserflaschen . Im Indigo-Viertel herrschte im Vergleich dazu himmlische Ruhe, die Sonne warf goldenes Licht auf die Häuser, die Kinder reichten uns in der Straße zum Gruß die Hände und die alten Damen, die auf den Mauervorsprüngen vor ihren Häusern liegend das Treiben auf den Straßen an sich vorbeiziehen ließen, riefen freundlich "hello" oder "namasthé".
Inzwischen wieder zu Hause angekommen, stellte ich am Sonnabend auf dem Öko-Spießermarkt am Kollwitzplatz fest, dass die Reise mir außergewöhnliche Fähigkeiten verliehen hat. Inzwischen handele ich auch im Mutterland der Festpreise spielerisch und erfolgreich. Auf dem Markt kaufte Gemüse für 5,30 Euro, musste nach einem Blick in mein Porte-Monnaie jedoch zerknirscht feststellen, dass ich nur noch 4,50 Euro mein Eigen nannte. Ich wollte dem Verkäufer gerade anbieten, die Kiwis wieder zurückzulegen, als er schon mit einer wegwerfenden Handbewegung rief "ok, 4,50 Euro". Seine Gesichtszüge verrieten mir, dass er am ehesten südlich des Mittelmeers geboren wurde. Mir war, als hätte in seiner Stimme so etwas wie freudige Erregung mitgeschwungen. Vermutlich wartet er seit seiner Ankunft in Deutschland darauf, dass er endlich einmal wieder so handeln kann wie zu Hause.
Skandale am Pushkarsee
Der Maharadja von Udaipur ist offensichtlich klamm. Das erkennt man an seinem verfallenen, wenn auch romantischen Palast hoch über dem Picholasee.Wahrscheinlich hat sein Vater zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft die königliche Schatzkammer in teuren Hotels, beim Polospielen und im Kasino durchgebracht, mit der tatkräftigen Unterstützung von Varietétänzerinnen, wie das damals unter indischen Herrschern üblich war. Als Indira Gandhi in den siebziger Jahren den blaublütigen Herrschern endgültig den staatlichen Wechsel strich, hat es den Maharadja von Udaipur vermutlich eiskalt erwischt. Inzwischen hat er sich zu einem modernen Wegelagerer entwickelt. Er nimmt nicht nur horrende Preise für seine in Hotels und Restaurants verwandelten Palastbestandteile auf den Inseln des Sees, sondern verlangt auch Wegezoll von allen, die sein Palastgelände durchqueren müssen, um in die einzige Cocktailbar der Stadt zu kommen oder die Segel zu einer romantischen Schifffahrt auf dem See zu setzen wollen.
Denn romantisch ist Udaipur. Der See mit seinen palastgeschmückten Inseln ist von lieblichen Hügeln umsäumt und am Ufer waschen energische Frauen in bunten Saris Wäsche, indem sie mit Cricketschlägern darauf einschlagen. Wozu das dient, ist M. und mir nicht ganz klar geworden. Vielleicht soll es das Auswringen ersetzen? Auf jeden Fall hat M. die Schläge auf ihrem Sound-of-India-Band aufgenommen und der Nachwelt erläutert, dass sie keinem treulosen Mann, sondern nur der Wäsche gelten.
Etwas argwöhnischer beäugen wir, dass die Inder sich und ihre Wäsche im Picholasee stets mit einer ordentlichen Portion Seife waschen. Das ist bestimmt auch nicht umweltfreundlicher als der Plastikmüll der überall am Straßenrand liegt und heiligen, aber auch hungrigen Kühen als Grasersatz dient. Bablu, der uns für eine Spende an das örtliche Tierkrankenhaus in einem Ashram Joga beibringt, hat uns glaubhaft versichert, dass das den Kühen nicht gut bekommt.
In Indien nähern wir uns mit Siebenmeilenstiefeln dem Diwali-Fest. Damit feiern die Hindus Ramas Rückkehr aus dem Exil nach seinen nervenaufreibenden Kämpfen gegen Dämonen, aus denen zum Glück das Gute in Form von Rama - übrigens wie Krischna eine Inkarnation des Gottes Vischnu -als Sieger hervorging. Leider beschränken sich die Hindus nicht darauf, ihre Städte mindestens ebenso wahnwitzig bunt und blinkend zu schmücken wie die Christen die ihren zu Weihnachten. Ähnlich wie wir haben auch die Hindus den eigentlich Anlass für ihr höchstes religiöses Fest ein wenig aus den Augen verloren und beschäftigen sich hauptsächlich mit Essen, Geschenke einkaufen und Böllern.
Dass ihnen beim Essen die Zwiebelknappheit im Wege steht, die derzeit die Preise in Delhi mit noch größerer Wucht in die Höhe treibt als der Hurrikan Kathrina und die chinesische Nachfrage den Preis für Öl, erwähne ich nur am Rande. M. und mich beschäftigt vor allem das Böllern. Besonders in Pushkar war es ein wenig zu viel für unsere schwachen Nerven, als wir feststellen mussten, dass im Äther bei all den Gesängen von indischen Pilgerern, westlichen Heilsuchenden und Hindi-Popsängern noch Frequenzen für lautes Knallen frei waren. Wir waren einfach noch nicht richtig eingegroovt, meint M. Außerdem hatte unser Joga-Kurs im Aschram hatte noch nicht angefangen und uns fehlte die nötige innere Ruhe.
Während ich im Ashram bereitwillig "Om" summe und mehrere Minuten in der Baum- oder der Kerzenposition verharre, dürfte mein Rendez-vous mit Ayurveda das vorläufig letzte gewesen sein. Die beiden Inderinnen, die in unserem Hotelzimmer aufkreuzten, von uns verlangten, dass wir uns nackt ausziehen, und dann Öl über unseren Kopf gossen, waren mir einfach nicht geheuer. Außerdem erwies ich mich als so kitzelig, dass ich M. mit meinem Gelächter fast daran gehindert hätte, sich zu entspannen und zu konzentrieren. Zum Glück trug nicht nur ich allein dazu bei, auch M.s Masseurin gab Anlass zu klagen, indem sie bei der Arbeit schnaufte wie ein Walross und auf dem Höhepunkt, als sie sich so richtig in Rage massiert hatte, laut rülpste. Mir ist bis heute nicht klar geworden, warum die beiden am Ende den Rest ihres Öls über unsere Haare gossen und daran herumrissen, bis wir drohten einer kahlgeschorenen indischen Witwe zu gleichen.
Ansonsten spielten sich in Pushkar zahlreiche Skandale ab, wie in der Zeitung zu lesen war. Eine Finnin nahm in dem heiligen See nackt ein Bad,was durchaus nicht zu den Gepflogenheiten der Inder zählt. Die beklagten sich außerdem über Orgien unter der Beteiligung von Israelinnen, die in einem Hotelzimmer ihrer heiligen Stadt stattgefunden haben sollen, wobei der Journalist allerdings nicht präzisierte, wie die Bürger von Pushkar von diesem Vorfall Kenntnis genommen hatten. Ob sie durch die Schlüssellöcher der Hotelzimmer spähen, weil die Kamasutrastellungen sie schon alle langweilen und sie mal etwas Neues kennen lernen wollen? Vielleicht sind sie auch einfach prüder geworden als zu Sanskrit-Zeiten. Dafür spricht, dass auch der Kuss eines israelischen Paares am Ufer des Sees nach ihrer Hindu-Hochzeitszeremonie bei den Einheimischen nicht gut ankam.
Recht geben, muss ich den Beschwerdeführern darin, dass sich die Touristen in Pushkar ein wenig auffällig benehmen. Aus irgendeinem Grund haben sich vorwiegend Israelis ausgerechnet einen Ort zum intensivem Drogenkonsum ausgesucht, der den Hindus so heilig ist, dass sie dort noch nicht einmal Eier konsumieren, geschweige denn Fleisch oder Alkohol. Auf M.s und mein Kuchenabenteuer in Pushkar, möchte ich lieber nicht näher eingehen.
Alle, die nach Pushkar kommen, außer uns und den Israelis haben trotz fortgeschrittenen Alters Rastalocken oder Vollbärte und hüllen sich in bizarre Gewänder. Ziemlich bald fingen M. und ich an, nicht mehr barfüßige indische Pilgerer in Gandhi-Hosen und orangefarbenen Turbanen mit unserer Kamera zu jagen, sondern auch die westlichen Heilsuchenden, deren Klamotten in der Heimat schon seit mehr als 30 Jahren aus der Mode gekommen sind. Dafür jagten Mellie und mich jene indischen Pilgerer, die sich noch nicht von allen irdischen Leidenschaften, insbesondere nicht von ihrer Kamera losgesagt haben, bevor sie sich mit einem beherzten Sprung in den Pushkarsee von allem Übel reinigten. Kaum einer unter ihnen, der nicht den Unterschied fotografisch festhalten wollte, der zwischen der Körpergröße ihrer Familienmitglieder und ihnen einerseits und M.s und meiner andererseits klaffte. Während die eine Hälfte von Pushkar also bettelt und im See badet, ist die andere Hälfte damit beschäftigt, sich gegenseitig zu fotografieren. Ihr könnt Euch vorstellen, was für ein lustiges und buntes Treiben das ergibt.
Trotzdem konnten M. uns ich uns irgendwann losreißen, um uns die majestätische Festung von Jodhpur, seinen chaotischen Basar und die indigofarbenen Bramahnenhäuser anzusehen. Aber davon berichte ich nächstes Mal.
Denn romantisch ist Udaipur. Der See mit seinen palastgeschmückten Inseln ist von lieblichen Hügeln umsäumt und am Ufer waschen energische Frauen in bunten Saris Wäsche, indem sie mit Cricketschlägern darauf einschlagen. Wozu das dient, ist M. und mir nicht ganz klar geworden. Vielleicht soll es das Auswringen ersetzen? Auf jeden Fall hat M. die Schläge auf ihrem Sound-of-India-Band aufgenommen und der Nachwelt erläutert, dass sie keinem treulosen Mann, sondern nur der Wäsche gelten.
Etwas argwöhnischer beäugen wir, dass die Inder sich und ihre Wäsche im Picholasee stets mit einer ordentlichen Portion Seife waschen. Das ist bestimmt auch nicht umweltfreundlicher als der Plastikmüll der überall am Straßenrand liegt und heiligen, aber auch hungrigen Kühen als Grasersatz dient. Bablu, der uns für eine Spende an das örtliche Tierkrankenhaus in einem Ashram Joga beibringt, hat uns glaubhaft versichert, dass das den Kühen nicht gut bekommt.
In Indien nähern wir uns mit Siebenmeilenstiefeln dem Diwali-Fest. Damit feiern die Hindus Ramas Rückkehr aus dem Exil nach seinen nervenaufreibenden Kämpfen gegen Dämonen, aus denen zum Glück das Gute in Form von Rama - übrigens wie Krischna eine Inkarnation des Gottes Vischnu -als Sieger hervorging. Leider beschränken sich die Hindus nicht darauf, ihre Städte mindestens ebenso wahnwitzig bunt und blinkend zu schmücken wie die Christen die ihren zu Weihnachten. Ähnlich wie wir haben auch die Hindus den eigentlich Anlass für ihr höchstes religiöses Fest ein wenig aus den Augen verloren und beschäftigen sich hauptsächlich mit Essen, Geschenke einkaufen und Böllern.
Dass ihnen beim Essen die Zwiebelknappheit im Wege steht, die derzeit die Preise in Delhi mit noch größerer Wucht in die Höhe treibt als der Hurrikan Kathrina und die chinesische Nachfrage den Preis für Öl, erwähne ich nur am Rande. M. und mich beschäftigt vor allem das Böllern. Besonders in Pushkar war es ein wenig zu viel für unsere schwachen Nerven, als wir feststellen mussten, dass im Äther bei all den Gesängen von indischen Pilgerern, westlichen Heilsuchenden und Hindi-Popsängern noch Frequenzen für lautes Knallen frei waren. Wir waren einfach noch nicht richtig eingegroovt, meint M. Außerdem hatte unser Joga-Kurs im Aschram hatte noch nicht angefangen und uns fehlte die nötige innere Ruhe.
Während ich im Ashram bereitwillig "Om" summe und mehrere Minuten in der Baum- oder der Kerzenposition verharre, dürfte mein Rendez-vous mit Ayurveda das vorläufig letzte gewesen sein. Die beiden Inderinnen, die in unserem Hotelzimmer aufkreuzten, von uns verlangten, dass wir uns nackt ausziehen, und dann Öl über unseren Kopf gossen, waren mir einfach nicht geheuer. Außerdem erwies ich mich als so kitzelig, dass ich M. mit meinem Gelächter fast daran gehindert hätte, sich zu entspannen und zu konzentrieren. Zum Glück trug nicht nur ich allein dazu bei, auch M.s Masseurin gab Anlass zu klagen, indem sie bei der Arbeit schnaufte wie ein Walross und auf dem Höhepunkt, als sie sich so richtig in Rage massiert hatte, laut rülpste. Mir ist bis heute nicht klar geworden, warum die beiden am Ende den Rest ihres Öls über unsere Haare gossen und daran herumrissen, bis wir drohten einer kahlgeschorenen indischen Witwe zu gleichen.
Ansonsten spielten sich in Pushkar zahlreiche Skandale ab, wie in der Zeitung zu lesen war. Eine Finnin nahm in dem heiligen See nackt ein Bad,was durchaus nicht zu den Gepflogenheiten der Inder zählt. Die beklagten sich außerdem über Orgien unter der Beteiligung von Israelinnen, die in einem Hotelzimmer ihrer heiligen Stadt stattgefunden haben sollen, wobei der Journalist allerdings nicht präzisierte, wie die Bürger von Pushkar von diesem Vorfall Kenntnis genommen hatten. Ob sie durch die Schlüssellöcher der Hotelzimmer spähen, weil die Kamasutrastellungen sie schon alle langweilen und sie mal etwas Neues kennen lernen wollen? Vielleicht sind sie auch einfach prüder geworden als zu Sanskrit-Zeiten. Dafür spricht, dass auch der Kuss eines israelischen Paares am Ufer des Sees nach ihrer Hindu-Hochzeitszeremonie bei den Einheimischen nicht gut ankam.
Recht geben, muss ich den Beschwerdeführern darin, dass sich die Touristen in Pushkar ein wenig auffällig benehmen. Aus irgendeinem Grund haben sich vorwiegend Israelis ausgerechnet einen Ort zum intensivem Drogenkonsum ausgesucht, der den Hindus so heilig ist, dass sie dort noch nicht einmal Eier konsumieren, geschweige denn Fleisch oder Alkohol. Auf M.s und mein Kuchenabenteuer in Pushkar, möchte ich lieber nicht näher eingehen.
Alle, die nach Pushkar kommen, außer uns und den Israelis haben trotz fortgeschrittenen Alters Rastalocken oder Vollbärte und hüllen sich in bizarre Gewänder. Ziemlich bald fingen M. und ich an, nicht mehr barfüßige indische Pilgerer in Gandhi-Hosen und orangefarbenen Turbanen mit unserer Kamera zu jagen, sondern auch die westlichen Heilsuchenden, deren Klamotten in der Heimat schon seit mehr als 30 Jahren aus der Mode gekommen sind. Dafür jagten Mellie und mich jene indischen Pilgerer, die sich noch nicht von allen irdischen Leidenschaften, insbesondere nicht von ihrer Kamera losgesagt haben, bevor sie sich mit einem beherzten Sprung in den Pushkarsee von allem Übel reinigten. Kaum einer unter ihnen, der nicht den Unterschied fotografisch festhalten wollte, der zwischen der Körpergröße ihrer Familienmitglieder und ihnen einerseits und M.s und meiner andererseits klaffte. Während die eine Hälfte von Pushkar also bettelt und im See badet, ist die andere Hälfte damit beschäftigt, sich gegenseitig zu fotografieren. Ihr könnt Euch vorstellen, was für ein lustiges und buntes Treiben das ergibt.
Trotzdem konnten M. uns ich uns irgendwann losreißen, um uns die majestätische Festung von Jodhpur, seinen chaotischen Basar und die indigofarbenen Bramahnenhäuser anzusehen. Aber davon berichte ich nächstes Mal.
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